𝗗𝗲𝗿 𝗞𝗲𝗹𝗹𝗲𝗿 🪣
Es gab Aufgaben, die mussten gemacht werden. Keine Diskussion. Kein Verhandeln. Kein 𝗞𝗮𝗻𝗻 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗔𝗻𝗱𝗿𝗲𝗮𝘀 𝗵𝗲𝘂𝘁𝗲? Wenn man es warm haben wollte, musste man was dafür tun. So einfach war das.
Kohlen holen.
Wer mit Kachelofen und Küchenherd aufgewachsen ist, der kennt das. Wer nicht, der kann sich nicht vorstellen, was das bedeutet. Nicht einmal am Tag. Teilweise mehrmals. Morgens, damit die Wohnung warm wird. Nachmittags, damit sie warm bleibt. Und abends nochmal, damit der Ofen über die Nacht durchhält.
Es war die Pflicht von meinem Bruder Andreas und mir. Und wenn Mutti in der Schule war – sie hat gearbeitet, so wie alle Muttis in der DDR – dann haben wir das auch alleine gemacht. Kohlen holen. Ofen aufmachen. Briketts reinlegen. Klappe zu. Fertig. Das konnte man mit acht Jahren, das musste man mit acht Jahren.
Das Problem war nicht das Einlegen.
Das Problem war der Weg dahin.
Unser Keller lag ganz unten. Nicht einfach nur eine Treppe runter. Man musste die ganze Treppe runter, vorbei an Frau Hoppes Wohnung, vorbei an den Büroräumen der LDPD im Erdgeschoss – der Liberal-Demokratischen Partei, einer der Blockparteien in der DDR, ja die gab es tatsächlich, es gab sogar eine CDU, aber das ist jetzt nicht der Punkt – und dann noch weiter runter. Ins Untergeschoss. Dahin wo es kühl wurde. Und dunkel. Und feucht.
Unten angekommen war da erst ein Vorraum. Dort stand ein riesiger Waschkessel, so ein Ungetüm aus einer anderen Zeit, den man von unten mit Holz oder Kohle befeuern konnte. Da drin wurde Wäsche gekocht. Und wenn ich es richtig in Erinnerung habe, obwohl ich mich selbst nicht mehr daran erinnern kann, wurde in diesem Kessel auch Wurst gebrüht. Denn als mein Vater noch bei uns war, so hat man es mir erzählt, da wurde einmal im Jahr im Herbst ein Schwein geschlachtet. Bei uns. Zu Hause. Mit Freunden und Verwandten zusammen, so wie man das damals eben machte. Wo mein Vater das Schwein immer herbekommen hat, weiß ich nicht. Aber die Würste landeten in diesem Kessel. Und das Selbstgemachte reichte dann eine ganze Weile.
Aber das war vor meiner Zeit. Jedenfalls vor meiner bewussten Erinnerung.
Von dem Vorraum aus ging eine Tür nach draußen in unseren Garten. Ein schöner großer Garten hinter der Villa, mit einer richtigen Wiese. Aber wenn man Kohlen holen musste, ging man nicht nach draußen. Man ging nach hinten. Dorthin wo es noch dunkler wurde.
Die Kellerräume waren aufgeteilt. Vorne, direkt an der Treppe, hatte die LDPD den größten Verschlag. Dann kam Frau Hoppe. Und wir? Wir waren ganz hinten. In der Ecke. Dort wo das Licht der einen nackten Glühbirne im Vorraum nicht mehr hinkam.
In unserem Kellerverschlag war alles. Die Kohlen natürlich, Briketts, gestapelt wie kleine braune Ziegelsteine. Aber auch eingelagerte Kartoffeln. Eine Unmenge an Einweckgläsern, Kompott, Obst, Gemüse, alles was Mutti im Sommer und Herbst eingekocht hatte. Dazu Flaschen mit Säften und was weiß ich nicht alles. Es war Vorratskammer und Kohlenlager in einem.
Und es war stockdunkel.
Es gab da unten irgendwo einen Lichtschalter. Aber der war weit weg, irgendwo an der Wand im Vorraum. Und das Licht, wenn es denn funktionierte, was nicht immer der Fall war, warf einen schwachen gelben Schein, der genau dort aufhörte wo man ihn am dringendsten gebraucht hätte. Nämlich vor unserem Verschlag.
Ich weiß noch, wie ich da stand. Mit dem leeren Eimer in der Hand. Sieben, acht Jahre alt. Vor mir die Tür zum Verschlag. Hinter mir der lange Gang. Und überall diese Geräusche.
Ein Tropfen irgendwo. Gleichmäßig. Immer im gleichen Abstand.
Ein Kratzen. Oder ein Rascheln. Wahrscheinlich eine Maus. Bestimmt eine Maus. Was sollte es sonst sein? Aber wenn man acht Jahre alt ist und allein im dunklen Keller steht, dann ist ein Rascheln nie nur eine Maus. Dann ist ein Rascheln alles, was die Fantasie draus macht.
Die Tür zum Verschlag knarrte. Natürlich knarrte sie. Jede Kellertür auf der ganzen Welt knarrt. Es ist wahrscheinlich ein Naturgesetz. Aber unsere knarrte besonders. Lang und tief, als würde sich jemand räuspern, der seit hundert Jahren geschlafen hat.
Ich rein. Schnell. Nicht gucken, nicht denken. Briketts in den Eimer. Eins, zwei, drei, vier, fünf. So viele wie man tragen konnte. Die waren schwer, die Dinger. Und sie hatten diese raue Oberfläche, die sofort schwarze Finger machte. An den Händen, an der Hose, an der Jacke. Mutti hat immer geschimpft. Aber man konnte Kohlen nicht anfassen ohne dreckig zu werden. Das ging nicht.
Eimer voll. Raus. Tür zu. Und dann den Gang zurück, so schnell wie es mit einem vollen Kohleneimer eben ging. Der Eimer schlug gegen mein Bein bei jedem Schritt. Links, rechts, links. Am nächsten Tag hatte ich blaue Flecke am Schienbein. Aber das war mir egal. Hauptsache raus aus diesem Keller.
Die Treppe hoch. Stufe für Stufe. Der Eimer wurde mit jeder Stufe schwerer. Oder die Arme schwächer. Oder beides. Auf halber Strecke kurz abstellen, durchatmen, Finger lockern, weitermachen.
Und dann oben. Endlich oben. Die Wohnungstür auf, rein in die Wärme, den Eimer neben dem Ofen abstellen. Die Klappe aufmachen, die alte Asche sehen, die grauweiß und müde aussah. Ein paar Briketts reinlegen, die Klappe wieder zu, und warten bis es knackt und knistert und man weiß: Gleich wird es warm.
Dieses Geräusch. Dieses leise Knacken, wenn die Kohle anfängt zu glühen. Das war der Moment, in dem sich das Kohlenholen gelohnt hat. In dem man vergessen hat, wie schwer der Eimer war und wie dunkel der Keller und wie laut die Tür geknarrt hat.
Man hat seine Wärme verdient. Buchstäblich. Mit eigenen Händen. Mit schwarzen Fingern und blauen Schienbeinen.
Heute dreht man die Heizung auf und es wird warm. Einfach so. Knopfdruck. Fertig. Niemand muss in einen Keller. Niemand muss einen Eimer schleppen. Niemand macht sich die Hände dreckig.
Ich sage nicht, dass das schlecht ist. Natürlich ist es bequemer. Natürlich ist es einfacher.
Aber irgendetwas fehlt dabei.
Vielleicht das Gefühl, dass Wärme nicht selbstverständlich ist. Dass sie von irgendwo kommen muss. Dass jemand aufstehen, runtergehen, schleppen und nachlegen muss, damit es warm bleibt. Dass Wärme etwas ist, worum man sich kümmern muss. Jeden Tag. Mehrmals am Tag.
Oder vielleicht fehlt einfach nur der Stolz. Der Stolz eines Achtjährigen, der mit schwarzen Händen und einem viel zu schweren Eimer die Treppe hochkommt und weiß: Das habe ich gemacht. Die Wärme heute Abend, die kommt von mir.
Ach ja. Und als ich dann so vierzehn war, hatten wir irgendwann keine Kartoffeln mehr eingelagert, die Einweckgläser waren so gut wie alle aufgebraucht, und ich hatte eine Idee. Wir haben die Kohlen in einen Verschlag direkt vor der Kellertür umgeschichtet, den alten Kellerraum ganz hinten leergeräumt und daraus mit ein paar Kumpels eine Art Clubraum gemacht. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Genauso wie die von meinem achtzehnten Geburtstag im Garten hinterm Haus, mit sechzig, siebzig Leuten und einer Band die sich Bruch AG nannte, bis die Volkspolizei gegen neun Uhr abends den Laden dichtgemacht hat.
Aber dazu ein andermal. Bleibt dran. Hier gibt es noch viel zu erzählen.
𝘐𝘤𝘩 𝘸𝘢𝘳 𝘬𝘭𝘦𝘪𝘯, 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘏𝘦𝘳𝘻 𝘸𝘢𝘳 𝘳𝘦𝘪𝘯. ❤️
𝘞ä𝘳𝘮𝘦 𝘬𝘢𝘮 𝘯𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘷𝘰𝘯 𝘢𝘭𝘭𝘦𝘪𝘯𝘦. 𝘚𝘪𝘦 𝘬𝘢𝘮 𝘢𝘶𝘴 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘥𝘶𝘯𝘬𝘭𝘦𝘯 𝘒𝘦𝘭𝘭𝘦𝘳. 𝘈𝘶𝘴 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘴𝘤𝘩𝘸𝘦𝘳𝘦𝘯 𝘌𝘪𝘮𝘦𝘳. 𝘈𝘶𝘴 𝘴𝘤𝘩𝘸𝘢𝘳𝘻𝘦𝘯 𝘏ä𝘯𝘥𝘦𝘯 𝘶𝘯𝘥 𝘣𝘭𝘢𝘶𝘦𝘯 𝘚𝘤𝘩𝘪𝘦𝘯𝘣𝘦𝘪𝘯𝘦𝘯. 𝘜𝘯𝘥 𝘢𝘶𝘴 𝘥𝘦𝘮 𝘞𝘪𝘴𝘴𝘦𝘯, 𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘮𝘢𝘯 𝘴𝘪𝘤𝘩 𝘶𝘮 𝘥𝘢𝘴 𝘒ü𝘮𝘮𝘦𝘳𝘯 𝘮𝘶𝘴𝘴, 𝘸𝘢𝘴 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘮 𝘸𝘪𝘤𝘩𝘵𝘪𝘨 𝘪𝘴𝘵.
Wer von euch musste auch Kohlen aus dem Keller holen? Und hatte euer Keller auch dieses eine Geräusch, das bestimmt nur eine Maus war? Bestimmt. 💬
