Bevor hier wieder dieselbe Märchenstunde beginnt, einmal tief durchatmen und kurz sortieren

in Steem Germany9 days ago

Fast täglich lese ich in meinen Kommentaren dieses Mantra, fast schon gebetsmühlenartig:
Die Ossis seien 1989 doch auf die Straße gegangen, weil sie unbedingt von der ach so liebevollen Bundesrepublik „gerettet“ oder gleich annektiert werden wollten.
Das ist bequem, das ist simpel – und es ist falsch.

Nein, man ist nicht auf die Straße gegangen, um Helmut Kohl die Schlüssel zu überreichen. Man ist auf die Straße gegangen für Meinungsfreiheit. Für Reisefreiheit. Für freie Wahlen. Für das Recht, den Mund aufzumachen, ohne Angst zu haben.
Die Wiedervereinigung war kein ursprüngliches Ziel der Proteste. Sie kam später – als politische Weichen längst gestellt waren und wirtschaftliche Ängste die Euphorie verdrängten.

Und nein: Es gab keinen Volksentscheid über die Wiedervereinigung. Es gab Wahlen. Die SED wurde abgewählt, andere Kräfte gewannen – und dann ging alles erstaunlich schnell. Zu schnell.
Aus einem Staat wurde plötzlich ein „Beitrittsgebiet“. Aus Volksvermögen wurde Verfügungsmasse. Und aus einer historischen Chance wurde ein knallhartes Geschäft.

Aber fangen wir von vorn an, nicht rückwärts, nicht verklärt.

„Wir sind das Volk“ vs. „Wir sind ein Volk“ – was wirklich gemeint war

Im Herbst 1989 riefen die Menschen in Leipzig, Dresden, Plauen und vielen anderen Städten nicht nach der D-Mark. Sie riefen auch nicht nach dem Westen.
Der Ruf „Wir sind das Volk“ war eine direkte Kampfansage an die SED und ihren Machtapparat.

Die Botschaft war eindeutig:

Ihr da oben vertretet uns nicht.

Die Macht geht vom Volk aus, nicht von Partei und Politbüro.

Wir wollen freie Wahlen, offene Diskussionen, das Ende der Überwachung durch die Stasi.

Wir wollen Reisefreiheit – nicht Flucht, sondern das Recht zu gehen und wiederzukommen.

Viele der frühen Bürgerbewegungen wollten eine reformierte DDR. Einen dritten Weg. Demokratisch, sozial, ohne Diktatur, aber auch ohne den entfesselten Kapitalismus der alten Bundesrepublik.
Der Ruf „Wir sind ein Volk“ kam später. Sehr viel später. Als Betriebe wackelten, Löhne unsicher wurden und die Angst größer war als die Hoffnung.

Der Mythos vom bankrotten Osten und dem rettenden Westen

Bis heute wird so getan, als sei die DDR ein leeres Fass gewesen, das man nur aus Mitleid übernommen habe. Auch das hält einer nüchternen Betrachtung nicht stand.

Ja, die DDR hatte massive Probleme mit Devisen.
Nein, sie war kein wertloser Staat.

Die Pro-Kopf-Verschuldung war – je nach Berechnung – vergleichbar oder teils sogar niedriger als in der Bundesrepublik. Der Unterschied:
Die DDR besaß reale Werte. Betriebe. Immobilien. Landwirtschaft. Infrastruktur. Grund und Boden.

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Und genau hier kommt der Punkt, über den man bis heute ungern spricht.

Die Treuhand – vom Volksvermögen zur Beute

Die von der DDR gegründete Treuhandanstalt wurde nicht zur Bewahrerin, sondern zur größten Privatisierungsmaschine Europas.
Mit Rechten ausgestattet, die ihresgleichen suchten, wurde in dreistelliger Milliardenhöhe Vermögen verramscht, abgewickelt oder schlicht verschenkt.

Viele sanierungsfähige Betriebe wurden geschlossen, nicht weil sie unfähig waren, sondern weil sie Konkurrenz darstellten.

Ganze Industriezweige verschwanden über Nacht.

Arbeitsbiografien von Millionen Menschen wurden entwertet.

Auch die Medienlandschaft ist ein Paradebeispiel. Bezirkszeitungen, Verlage, Druckereien gingen für symbolische Beträge an westdeutsche Großkonzerne wie Gruner + Jahr, Axel Springer oder Burda.
Monopole inklusive. Gewinne garantiert.

Innenstadtimmobilien, landwirtschaftliche Flächen, ganze Areale wechselten den Besitzer – oft weit unter realem Wert. Das war kein Aufbau. Das war ein Ausverkauf.

Was gewonnen wurde – und was verloren ging

Niemand mit klarem Verstand wünscht sich Mauer oder Stasi zurück.
Die Freiheit zu reisen, zu sagen, was man denkt, zu wählen – das ist der unbestreitbare Gewinn von 1989.

Aber zur Wahrheit gehört auch, was verloren ging, weil man keine Vereinigung auf Augenhöhe wollte, sondern einen Beitritt nach Artikel 23.

Die Lebensleistung von Millionen Menschen wurde klein­geredet oder ausgelöscht.

Soziale Sicherheiten verschwanden ersatzlos.

Polikliniken, die heute als „innovatives Ärztezentrum“ wiederentdeckt werden, wurden damals abgewickelt.

Das Recht auf Arbeit wurde durch das Recht auf Arbeitslosigkeit ersetzt.

Die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen, in der DDR selbstverständlich, war der Bundesrepublik um Jahrzehnte voraus – und wurde zurückgedreht.

Fazit

Die Geschichte von 1989 endet nicht mit dem Feuerwerk von 1990.
Die Menschen, die „Wir sind das Volk“ riefen, waren keine Bittsteller. Sie waren Bürgerrechtler, die ihr Land verändern wollten.

Dass daraus ein Beitritt, ein Ausverkauf und eine gigantische Vermögensverschiebung wurde, stand auf keinem Transparent der ersten Montagsdemos.

Und wer heute immer noch behauptet, „der Westen habe den Osten bezahlt“, sollte den Mut haben, die nächste Frage zuzulassen:
Wer hat am Osten verdient – und zwar richtig?

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 9 days ago 

Wunderbar, ganz ohne Schnörkel gerade heraus so kenn ich dich, und ich kann bestätign was Du da schreibst, ich war selbst mit Kunden oft in Gesprächen um solche Ramschware, eine Firma mit Angestellten laufenden Erträgen und dickem gefülltem Firmenkonto zum symbolischen Preis von einem EURO, sowas kann man sich echt nicht vorstellen wenn man s nicht erlebt hat.
Und es war total egal, man bekam die Betriebe fast aufgezwungen, der Einsatz -ein Witz- nichtmal 1/10 des realen Wertes wurde verlangt als Investition in der Zukunft.
Alle di wir dort drüben Geschäfte gemacht haben, haben ordentlich verdient, verloren habeen die Ossis, ihre Werte, ihre Firmen, ihre Identität, jede Menge geile Produkte und Marken (weil sie nicht sexy genug waren).
Das alles erinnrt mich immr an die Situation in der sich D heute noch befindet mit den Gutmenschen aus den USA die uns nach wie vor das Blut abzapfen bis auf den letzten Tropfen.

 6 days ago 

uffff muchas gracias querida @solperez y @stemcurator06 por ese voto con que me toque la loteria, en concreto me regalas la reputación 72, estoy muy feliz, gracias de nuevo 🤗😘

Estoy feliz de haber aportado "un granito de arena" para que llegaras a tener tu reputación en 72. Te lo mereces.

 6 days ago 

👍

Ein englischer Freud hat mich vor etwa 10 Jahren überrascht mit seiner Ansage: alle denken, die DDR wurde von der BRD gehijackt. In Wirklichkeit wäre es anders herum gewesen... Ich denke seitdem viel darüber nach, weil ich ihn für sehr analytisch und weitsichtig halte. Mittlerweile glaube ich, er lag nicht so weit daneben...