ich war ich ja in der Quarterback Arena in Leipzig bei dem Konzert von Xavier Naidoo

in Steem Germany22 days ago

Einige Lieder kannte ich natürlich, aber ich habe noch nie so ein breites Repertoire wie gestern in einem Zusammenhang gehört – Lieder, die zum Teil 20 Jahre alt sind, bis hin zu seinen letzten Veröffentlichungen.

Ich habe gestern eine Predigt von Xavier Naidoo gehört, die zweieinhalb Stunden gegangen ist, dargeboten mit einer absoluten Ausnahmestimme – in musikalischer Form.

Es ist mir schon beim ersten Lied „Bei meiner Seele“ klar geworden:
Als man ihn live gehört und dabei gesehen hat – ich stand ja ziemlich weit vorne – ist mir sofort in den Sinn gekommen:
Hier geht es um Gott.

Bei wirklich allen Liedern, die er an dem Abend gebracht hat – einige waren mir bekannt, einige, wie gesagt, völlig neu – handeln meiner Meinung nach alle einzig und allein von Gott, von Glauben und von all dem, was damit verbunden ist:
Klage, Zweifel, Hoffnung, Bitte um Hilfe, Dankbarkeit.

Hier einmal fünf Thesen, die ich dazu aufstelle.
Ja, es sind Thesen, und ja, es ist meine Meinung.
Sicherlich gibt es viele unter euch, die komplett anderer Meinung sind.

Aber selbst die Lieder, die er schon vor vielen, vielen Jahren herausgebracht hat:
Wenn man sie sich heute anschaut, mit Videos, und dann auf einmal das Bild wegschaltet und wirklich nur auf das Gesungene, in meinen Augen gepredigte Wort hört – meint ihr nicht, dass alles eine ganz andere Bedeutung bekommt?

Diese Videos sind einfach gefährlich.
Sie sollen ja der breiten Masse gefallen.
Da wird vielleicht hier etwas anderes hineininterpretiert, als er als Künstler gemeint hat.

These 1: Xavier Naidoo als moderner Psalmenschreiber
Viele seiner Songs funktionieren wie zeitgenössische Psalmen.
Klage, Zweifel, Hoffnung, Bitte um Hilfe, Dankbarkeit – exakt die Dramaturgie biblischer Psalmen.
Nur eben mit Beat statt Harfe.

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These 2: Xavier Naidoo als Buß- und Beichtmusiker
Ein großer Teil seiner Texte kreist um Schuld, Reue, innere Zerrissenheit und den Wunsch nach Vergebung.
Das ist theologisch gesehen klassische Bußfrömmigkeit.
Nicht geschniegelt, sondern roh. Mehr Beichtstuhl als Popbühne.

These 3: Xavier Naidoo als Verkünder von Gnade statt Leistung
Immer wieder taucht dieses Motiv auf:
Du bist gefallen, du bist schuldig, du bist kaputt – aber du bist nicht verloren.
Das ist reines paulinisches Christentum: Gnade vor Leistung, Erlösung vor Selbstoptimierung.

These 4: Xavier Naidoo als Endzeit- und Wachrüttel-Prophet
Viele Texte haben diesen apokalyptischen Unterton:
Die Welt ist krank. Etwas läuft grundlegend falsch. Kehrt um, bevor es zu spät ist.
Das ist biblisch gesehen klassische Prophetensprache, nicht Aluhut.

These 5: Xavier Naidoo als Sänger vom geistlichen Kampf
Gut gegen Böse. Licht gegen Dunkel. Wahrheit gegen Lüge.
Er beschreibt das Leben oft als spirituellen Kampfplatz.
Das ist neutestamentliche Kriegsrhetorik ohne Waffen, aber mit Gewissen.

Ich kenne natürlich auch die Hintergründe und seine familiäre Geschichte.
Ich weiß, dass die Familie und er christlich geprägt sind.
Und ich kenne auch das Interview, das er vor zwei oder drei Wochen gegeben hat.

In diesem Interview geht es darum, dass man deutlich heraushören kann, wie er auf alle Fälle christlich geprägt ist, an Gott glaubt, aber im Zwiespalt ist – zum Beispiel über die Existenz von Jesus und wie er die Dreifaltigkeit anzweifelt.
Dieses Interview hat bisher keine besonders große Reichweite, aber ich denke, das wird sich ändern.

Hier redet er frei über seinen Glauben und seinen inneren Kampf.
Er hinterfragt seinen Glauben, und ich finde es toll, dass er sich, obwohl er gerade wieder kometenhaft am Aufsteigen ist, nicht nur des Ruhmes oder Geldes wegen beugt oder sich anpasst.

Und hier muss ich sagen: meinen größten Respekt vor ihm.
Er ist jemand, der sich nicht brechen lassen hat.

Er hätte ja schon vor Jahren verkünden können, wie leid ihm das alles tut, und irgendwelche Geschichten erzählen können, wie es viele andere Künstler schon vorgemacht haben.
Dann hätte der Mob gesagt:
„Ja, er hat sich brav entschuldigt, vergeben wir ihm.“

Aber muss man ihm vergeben?
Nein, auf keinen Fall, in meinen Augen.

Ja, er hat einiges gesagt, und ich habe ja selbst einen Beitrag darüber veröffentlicht – zum Beispiel über dieses Video, wo er wirre Geschichten erzählt hat, die viele als „Spinnerei“ abgetan haben.

Aber ich habe schon beim ersten Mal vor vielen Jahren, als ich dieses besagte Video gesehen habe, gesagt:
Dieser Mensch war in dem Moment psychisch schwer angeschlagen, schwer depressiv und vielleicht unter Alkohol- oder Medikamenteneinfluss.

Und hier hätte man einfach sagen sollen:
„Komm, Xavier, wir helfen dir.“
Und nicht auf ihn einprügeln sollen.

Man brauchte ein Opfer.
Und der deutsche Michel hat natürlich sofort die Fackeln angezündet und alles nachgeplappert – bis zum heutigen Tag.

Dieses Konzert, in meinen Augen wie geschrieben eigentlich eine musikalische Predigt, hat mich doch sehr bewegt, berührt und zum Nachdenken gebracht.

Und nein, ich werde deshalb nicht an Gott glauben, aber die Werte und vor allem die Aussagen in seinen Texten bedeuten für mich, dass man einfach – wie sage ich es am einfachsten – ein besserer Mensch werden soll. - Man soll es zumindest versuchen.
Nicht perfekt. Nicht heilig.
Aber bewusster, ehrlicher und vielleicht ein kleines Stück menschlicher.

Für mich ist er auf alle Fälle ein Ausnahmekünstler, der seinesgleichen sucht.

Ein Mensch, der sich nicht brechen lassen hat – das habe ich jetzt schon mehrmals erwähnt – und der das Recht hat, eine eigene Meinung zu haben, auch wenn sie dem einen oder anderen und vor allem den Medien nicht passt.

Also lieber Xavier,
du wirst diese Zeilen sicherlich nicht lesen.

Aber ich habe mir jedenfalls eine Meinung über dich gebildet, die mit der vorhergehenden, die ich von dir hatte, heute absolut nichts mehr zu tun hat.

Ich werde mir jetzt öfter deine Lieder anhören, deinen weiteren Werdegang verfolgen und gerne noch einmal auf ein Konzert von dir gehen.

Allerdings nicht mehr stehenderweise.
Auch wenn ich im Golden Circle ziemlich weit vorn einen Platz hatte: Dreieinhalb Stunden stehen, wenn man schon eine Stunde vorher da ist, ist nichts mehr für alte Männer aus dem tiefen dunklen Wald in Finsterbergen.

Für all diejenigen, die nicht zu einem Konzert gehen konnten, hier einmal die Reihenfolge der Titel, die gestern dargeboten worden sind.

Hört sie euch einmal an, aber nehmt bitte keine YouTube-Videos dazu. Die dazugehörigen Videos passen meiner Meinung nach, wenn man das alles einmal in seiner Gesamtheit gehört hat, absolut nicht zum Text und sind ausschließlich dem Kommerz geschuldet.

Bei meiner Seele
Seine Straßen
Bist du am Leben interessiert
Alles kann besser werden
20.000 Meilen
Was wir alleine nicht schaffen
Mut zur Veränderung
Söldnerlied (Drogen und Gold)
Abschied nehmen
Bitte hör nicht auf zu träumen
Hört, hört
Sie sieht mich nicht
Der Fels
Und wenn ein Lied
(Söhne Mannheims Song)
Nimm mich mit
Dieser Weg
Wo willst du hin?
Wenn du es willst
Führ mich ans Licht
Ich brauche dich
Zeilen aus Gold
Bevor du gehst
Ich danke allen Menschen
Alle Männer müssen kämpfen
Ich kenne nichts (das so schön ist wie du)
Halte durch

Unterm Strich:
Für mich war dieses Konzert keine Show.
Es war eine zweieinhalbstündige Predigt in Musikform – von einem Ausnahmekünstler.

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 21 days ago (edited)

...der Don ist 100% bei dir, der Typ ist echt ein Ausnahmekünstler, und ja wie die meisten von denen hat auch er seine Hochs und Tiefs (wie übrigens jeder andere Mensch auch), aber er gibt nicht auf, lässt sich nicht mit ein wenig Geld vergewaltigen, sondern geht seinen Weg, folgt seiner Überzeugung und das ist absolut richtig.

Ich kenne kaum jemanden der sinnreichere Texte geschrieben hat, und seine Stimme, dass ist seine stärkste Waffe nach seiner Überzeugung.