Meine Zeit unter dem Tisch – und mein Leben danach*
Ich kann mich noch gut erinnern. Ich war vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Die genaue Zahl spielt keine Rolle. Das Gefühl ist geblieben.
In unserer Stube stand ein großer, runder Tisch. Schweres Holz, dunkel gebeizt, mit einer Tischdecke, die fast bis zum Boden reichte. Für die Erwachsenen war das ein Möbelstück. Für mich war es ein Ort.
Mein Ort.
🧒 Unter diesem Tisch habe ich Stunden verbracht. Ich hatte dort ein paar kleine Spielsachen liegen, ein Malbuch mit schon etwas abgegriffenen Seiten, ein paar Figürchen. Mehr brauchte ich nicht. Wenn ich traurig war. Wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Wenn mir alles zu laut wurde oder ich einfach nur bei mir sein wollte – dann bin ich darunter verschwunden.
Meine Mutti wusste immer, wo ich war. Mein Bruder auch. Und trotzdem war ich dort unten unsichtbar. Geschützt. In meiner eigenen kleinen Welt.
🍞 Oft saßen sie oben am Tisch und haben Abendbrot gegessen. Manchmal war ich bockig, habe gesagt: „Ich will nichts essen." Dann bin ich unter den Tisch gekrochen. Nicht aus Trotz. Eher aus dem Bedürfnis heraus, kurz für mich zu sein. Die Welt da oben weiterlaufen zu lassen, während ich unten meine eigene hatte.
Auch wenn Besuch da war – erwachsene Stimmen, Gespräche, Gelächter – saß ich darunter und habe gelauscht. Habe mir meine eigenen Gedanken gemacht über das, was die Großen so redeten. Niemand hat mich gesehen. Aber ich habe alles mitbekommen.
Unter dem Tisch war die Welt kleiner. Leiser. Überschaubar.
Ein Ort, an dem man nichts erklären musste. An dem man einfach sein durfte.
🏡 Heute bin ich 60.
Ich lebe in einem kleinen Häuschen mitten im Thüringer Wald. Wirklich abseits. Zugang nur über eine Privatstraße, umgeben von Bäumen und Stille, fern vom Lärm, fern vom Getriebe, fern von dem, was man heute so „die Welt da draußen" nennt.
Ein Bach fließt über mein Grundstück. Im Sommer höre ich ihn plätschern, im Winter liegt manchmal Raureif auf den Steinen am Ufer.
🔥 Ich heize mit Holz. Ein Ofen, der knackt und knistert. Wärme, die man sich verdienen muss. Kein Knopfdruck. Kein Sofort. Zeit, die vergeht, während das Feuer wächst.
Manchmal sitze ich hier in der Dämmerung und denke nach. Über früher. Über meine Kindheit. Über meine Jugend. Über Menschen, die nicht mehr da sind, und Orte, die es so nicht mehr gibt.
Und je älter ich werde, desto öfter bin ich gedanklich dort.
Fast so, als würde ich diese Zeiten noch einmal leben. Nicht, weil ich glaube, dass sie zurückkommen. Ich weiß, dass sie das nicht tun.
Aber die Erinnerungen sind da. Lebendig. Greifbar.
Und die kann mir keiner nehmen.
🌲 Dieses Häuschen ist heute mein Tisch von damals.
Mein Rückzugsort. Mein Platz unter der Decke – nur größer geworden. Mit Wänden aus Holz statt aus Stoff. Mit einem Dach über dem Kopf statt einer Tischplatte.
Hier bin ich allein, ohne einsam zu sein. Hier darf ich still sein. Hier darf ich nachdenken, schreiben, zurückblicken. Hier muss ich niemandem etwas erklären.
Ich sehne mich nach der Vergangenheit – nicht aus Verklärung, sondern aus Verbundenheit. Diese Zeiten haben mich gemacht. Sie haben geformt, wer ich heute bin. Und auch wenn sie längst vorbei sind, tragen sie mich noch immer. Jeden Tag.
🤍 Vielleicht ist das der Lauf der Dinge. Als Kind verkriecht man sich unter den Tisch. Als Erwachsener sucht man sich einen Ort im Wald.
Der Wunsch ist derselbe geblieben:
Ein Platz, an dem die Welt kurz still ist.
Ein Platz, an dem das Herz zur Ruhe kommt.
Ein Platz, der einem gehört – auch wenn man sonst nichts hat.
Ich war klein, mein Herz war rein.
Und manchmal, hier draußen zwischen den Bäumen, bin ich es wieder.
✨ Dies ist der Anfang. Von Geschichten, die erzählt werden wollen. Von Erinnerungen, die nicht vergessen werden dürfen. Von einer Zeit, als die Welt kleiner war – und vieles einfacher schien.

Wenn ich so darüber nachdenke, eigentlich wollte ich als Kind bereits im Wald leben. Aber so richtig IM Wald dann auch. Heute würde mir der Waldrand ausreichen, damit die Verbindung zur Welt da draußen nicht abreißt.
Schöne, wichtige Gedanken - Danke!