Hilfe ⁉️ es gibt sie 🍀
Hilfe ⁉️ es gibt sie 🍀
von @bergstreetboy
Hinter diesen Zeilen steht meine ganz persönliche Reise. Nach einer Geschichte von polytoxem Konsum und rezidivierender Depression durfte ich erfahren, dass Genesung kein Zustand ist, den man irgendwann „erledigt“ hat – es ist ein lebenslanger Lernprozess.
Heute schweige ich nicht mehr. Ob in der Präventionsarbeit an Schulen oder im Alltag: Ich teile meine Geschichte, um Scham abzubauen und zu zeigen, dass es einen Weg heraus gibt.
Ein großes Dankeschön an das Team der Trokkenpresse. Seit 2001 leisten sie eine unschätzbar wertvolle Arbeit: Sie gibt Menschen, die den Weg in ein nüchternes Leben gefunden haben, eine Stimme. Sie fragt nach dem Wie - und sie macht Mut, baut Scham ab und zeigt, dass niemand diesen Weg alleine gehen muss.
Vor Kurzem durfte ich selbst Teil dieser Reihe sein.
Andreas • Alkoholiker • irgendwann als älteres Kind der erste Kontakt mit Alkohol • als Teenie dann schon regelmäßig • mit 15 zu kiffen begonnen • mit 16 oder 17 Amphetamine & Kokain • Ende der 80er Alkoholiker mit polytoxem Beikonsum und aktiv, mal mehr, mal weniger, für die nächsten über 20 Jahre.
Cut! ...
... wir schreiben das Jahr 2011. Ich bin arbeitslos und verschuldet. Meine Frau hat mich verlassen. Die Wohnung ist gekündigt ... ich breche, allein im Wohnzimmer, in Tränen aus ... sehe plötzlich, was ich über mehr als zwei Jahrzehnte nicht sehen konnte, nicht sehen wollte: Meine Probleme sind: nicht meine Mitschüler! Nicht die Lehrer! Nicht die Arbeitgeber! Nicht meine Frau! Nicht die Banken! Mein Problem ist einzig und allein mein Konsum.
Ich google Entgiftung und finde die Uniklinik Frankfurt. Zwei Tage später fährt eine Freundin mich, nur mit einem winzigen Rucksack und ohne den geringsten Plan, in die Klinik. Das war vielleicht mein größtes Glück. Ich hatte nicht die geringste Vorstellung, worauf ich mich einlasse.
Ich bleibe drei Wochen. Hier beginnt meine Reise. Ein Lernprozess. Viele Gespräche mit unterschiedlichen Lehrmeistern. Mit Schwestern, Ärzten, den Guttemplern, Mitpatienten, Drehtürpatienten ... ich höre zu ... und ich beginne zu verstehen: Mit der Entgiftung ist es nicht getan – „nur“ mal wieder auf Null Promille zu sein wird nicht ausreichen. Ich spiele mit dem Gedanken an eine Therapie.
Mit der Entlassung aus der Entgiftung beweise ich mir, dass das ein guter Gedanke ist – ich bleibe nämlich nicht lange abstinent – daher setze ich ihn um. Die Guttempler kümmern sich um den kompletten Schreibkram. Ich erzähle ihnen nur meine Geschichte. Vielleicht das erste Mal, dass ich meine Geschichte erzähle ohne Geschichten zu erzählen.
Meiner Frau bringe ich bei, dass ich mich nicht endgültig um die Wohnungsauflösung und -übergabe kümmern kann. Ihr Kommentar: So lange hätte ich jetzt auch noch weitersaufen können. Wahrscheinlich hat sie recht. Aber sie kann mich mal. Ich kümmere mich um Pflegefamilien für unsere/meine Katzen, bunkere Möbel in diversen Kellern und fahre ins Ungewisse …
*****
Therapeut: Und was treibt dich hierher?
Ich: Ich bin frei...
Therapeut: Erzähl mir nicht, du bist freiwillig hier. Dich schickt vielleicht kein Richter, kein Arbeitgeber und auch nicht deine Frau. Aber „freiwillig“ fährt man in Urlaub. Zur Therapie fährt man, weil man muss!
*****
Therapeut: Hör auf, nach einer Wohnung zu suchen. Du bist hier, um dich um dich zu kümmern.
Ich: Wenn ich hier obdachlos rauskomme, kann ich mir den ganzen Stress gleich schenken.
Therapeut: Du könntest in einer Adaption unterkommen.
Ich: Ich bin 40! Ich gehe doch nicht in ein betreutes Wohnen!
Therapeut: Denk drüber nach.
... ich dachte - und war dann dort!
*****
Therapeut: Drogen sind also gar kein wirkliches Problem?
Ich: Nein.
Therapeut: Drogen nehmen und nix dazu trinken funktioniert also für dich?
Ich: Ich glaube schon.
Therapeut: Wenn du also wieder in freier Wildbahn unterwegs bist, kannst du ein, zwei, drei Lines ziehen, drauf sein, Party machen – und wenn dir dann jemand ein Bier anbietet, lehnst du ab?
Ich: ...
*****
Das sind nur drei Beispiele - von vielen - bei denen er recht hatte. Und ich hatte das wahnsinnige Glück, das damals bereits zu ahnen ... und ihn ernst zu nehmen.
Um Hilfe bitten
Vier Monate war ich auf dem Mahlertshof, heute die Neue Rhön-Fachklinik für Suchterkrankungen. Es folgten vier Monate Adaption „An der Bergstraße“...
Neben der Einhaltung des Putzplans war 'Suchen' dort eine der Hauptbeschäftigungen: nach einem Praktikumsplatz, nach einer Wohnung, nach einem Job, nach einer passenden Selbsthilfegruppe. Und ich hatte Erfolge. Und Glück bei meiner Entscheidung, nicht nach Frankfurt zurückzugehen …
Ja, ich habe mich und mein Leben und meinen Wahnsinn natürlich immer und überall dabei. Aber in einer Umgebung, in der nicht jede Ecke mit Erinnerungen verknüpft ist, fiel es mir sicher leichter, mit Tiefpunkten und Versuchungen umzugehen. Neue Wege zu finden, mit Tiefpunkten und Versuchungen umzugehen. Mir weiterhin Hilfe zu holen, wenn ich Tiefpunkte erreicht hatte. Ich lernte, um Hilfe zu bitten. Und Hilfe anzunehmen.
Ich fand Arbeit. Und verlor sie. Und verlor die Hoffnung. Ich fragte um Hilfe. Und fand sie bei einer Wiedereingliederung.
Ich fand eine Wohnung. Und hatte nicht das Geld für die Kaution. Und fragte einen ehemaligen Chef danach. Er half mir.
Ich bekam einen Überblick über meine finanzielle Situation: Schulden. Glaubte nicht, das jemals bewältigen zu können. Und fand Hilfe bei der Schuldnerberatung.
Ich fand keine (zu mir) passende Selbsthilfegruppe. Mit Hilfe der Selbsthilfekontaktstelle gründeten meine damalige Freundin und ich eine eigene. Dadurch wurde ich Teil von Präventionsprojekten. Ich gehe noch heute gelegentlich an Schulen und erzähle, wie wichtig es ist, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht. Dass es kein Zeichen von Schwäche ist. Dass es Hilfe gibt. Unzählige. Wir müssen nur fragen. Und sie annehmen.
Selbsthilfeuniversum
Überhaupt Selbsthilfe. Ein Riesending. Großartig. Auch das durfte ich lernen. Anfangs bin ich „nur“ der Empfehlung meines Therapeuten gefolgt. Bin durch die Gruppen getingelt auf der Suche nach (m)einer passenden Gruppe. Wie oben erwähnt, fand ich die damals nicht.
Was ich aber fand, war Vielfalt. Und die Erkenntnis, dass ich bei (wahrscheinlich) jedem Problem oder jeder Diagnose im Selbsthilfeuniversum Menschen finde, mit denen ich mich austauschen kann. Die sogar vermeintlich schwierige Tage miteinander verbringen. Wenn man sich – ich mich – alleine fühle. Weihnachten. Silvester. Fasching.
Es fiel mir damals schwer, offen zuzugeben, dass ich Alkoholiker bin, süchtig. Es kam mir nicht über die Lippen. Ich war immerhin einige Zeit trocken. Clean. Da kann ich doch nicht ständig sagen: Ich bin Alkoholiker. Damit rede ich mir das doch selbst ein. Selffullfilling Prophecy und so.
Depression
2014 geschah ein Wunder. Ich bekam die Diagnose „Rezidivierende Depression". Und einen weiteren Klinikaufenthalt. Plus anschließender Tagesklinik.
Irgendwer empfahl mir einen Besuch bei EA, den Emotions Anonymus. Dort geschah es. Ich erkannte, dass meine Sucht, mein Konsum, dass Alkohol, dass Drogen gar nicht die Ursache meiner Probleme waren. Genauso wenig, wie es die Lehrer, Arbeitgeber, Freundinnen, Banken etc. waren. Meine Sucht, mein Konsum war ein Symptom. Ist es noch! Wahrscheinlich hatten mir das zu dem Zeitpunkt schon x Leute gesagt. Bei EA habe ich verstanden: Mein Problem ist, dass ich nicht mit meinen Gefühlen klarkomme. Mit den guten zum Teil noch weniger als mit den schlechten. Mein Unvermögen, mit Gefühlen umzugehen, hat mich zu Alkohol und Drogen greifen lassen. Mein Konsum war Teil >>meiner<< Lösung meiner Probleme. Und wurde dann zu einem eigenen Problem. EA hat damit für mich die Tür zu dem Universum der anonymen Gruppen geöffnet.
EA, NA-Narcotics Anonymous, CoDA-Co-Dependents Anonymous, SLAA-Anonyme Sex- und Liebessüchtige, CA-Cocaine Anonymous … ich habe überall Anteile von mir gefunden. Und gelernt, sie zu akzeptieren. Akzeptanz. Etwas Wundervolles. Mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin. Auf einmal konnte ich sagen: „Ich bin Alkoholiker“, „Ich bin süchtig.“
Das hat zu einem Umdenken geführt. Und zu neuem Verhalten. Ich habe meine Sucht, meinen Alkoholismus, meine Diagnose(n) nicht mehr verstecken müssen. Fing an, offen damit umzugehen. Es weiß heute jeder. So wie es früher (wahrscheinlich) auch jeder wusste. Nur dass ich es heute auch weiß. Und es nicht mehr ausleben muss.
Ehrlichkeit
Meine Offenheit schützt mich. Arbeitskolleginnen bringen Kuchen mit? Sollte Alkohol oder entsprechende Aromen enthalten sein, werde ich direkt informiert – muss nicht mal mehr fragen.
Ich muss keine Ausreden mehr erfinden, warum ich so früh von Feiern verschwinde oder erst gar nicht auftauche.
Sollte ich von Fremden gefragt werden, warum ich ein Bier oder Sekt oder, oder, oder ablehne, sage ich offen: „Ich bin trockener Alkoholiker. Habe für die nächsten zwei bis drei Leben genug getrunken.“ Das hat schon zu spannenden Unterhaltungen geführt und mich zum Träger von Familiengeheimnissen gemacht, obwohl ich weder die Familien oder gar mein Gegenüber überhaupt kenne.
Ich frage im Restaurant nach den Zutaten. Bei Unklarheiten lasse ich auch in der Küche nachhaken. Damit sorge ich gelegentlich für hochgezogene Augenbrauen. Aber vor allem sorge ich damit für mich.
Ungefähr zeitgleich mit der Diagnose Depression und EA wurde mir auch ein wunderbares Werkzeug empfohlen: Dankbarkeitslisten. Mein persönliches Highlight. Über einige Jahre täglich angewandt nutze ich sie heute vor allem, wenn ich bemerke, dass dunkle Wolken am Horizont aufziehen. Mich eine depressive Stimmung mehr als einen oder höchstens zwei Tage bedrückt. Dankbarkeitslisten zeigen mir immer wieder, wie gut es mir doch geht.
Wofür ich sehr dankbar bin? Zoom. Die AA-ler, die während der Corona-Lockdowns die virtuellen Räume für Meetings geöffnet haben: Herbst 2020. Ich war allein. Einsam. Es ging mir scheiße. Ich überredete mich, den Rechner anzuschmeißen und es mal mit so einem Zoom-Meeting zu versuchen. „Einsamkeit verschwindet“ wurde vorgelesen. Ich wurde begrüßt, namentlich. Alle (!) wurden begrüßt. 60 oder 70 Leute im Meeting. Zwei Minuten Sprechzeit. Die Einsamkeit verschwand. Dass diese Räume auch nach den Coronajahren noch offengehalten werden, ist großartig. Die Tatsache, dass ich heute eigentlich zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Meeting besuchen kann. Es nicht mal mehr eine Rolle spielt, ob ich im tiefsten Hinterland ohne ÖPNV-Anschluss auf den ÖPNV angewiesen oder gar ans Bett gefesselt bin.
Also, ein Fazit:
Was hat mir geholfen beim Trockenbleiben?
- Reden & Zuhören. Die Identifikation mit anderen Betroffenen. Die Erfahrungen dieser Experten in eigener Sache mitnehmen.
- Reden. Mit mir selbst. Via Tagebuch. Dankbarkeitslisten.
- Reden. Meine Erfahrungen weitergeben. In Selbsthilfegruppen. In Präventionsprojekten.
- Reden. Um Hilfe fragen. Bei allem und vor allem bei jedem, der Hilfe geben könnte. Bei und mit allen bezahlten Profis, die mir (und uns allen) in diesem Land kostenlos zur Verfügung stehen.
- Die Hilfe annehmen!!! Von Kliniken, Suchthilfe, Therapeuten, Schuldnerberatung, Rentenversicherung, Selbsthilfegruppen, Selbsthilfekontaktstellen, Arbeitgebern und allen, die ich in der Aufzählung vergessen habe.
- Ehrlichkeit. Mir selbst gegenüber. Und gegenüber allen anderen auch.
- meine Ex-Freundin … mit einer ganz anderen Geschichte & trotzdem vielen Gemeinsamkeiten – 13 unfassbare, trockene und cleane Jahre on/off-Beziehung - die Beziehung hat ein Ende gefunden - mein trockenes und cleanes Leben nicht - auch dank ihr! 🙏🏻
Geschrieben und veröffentlicht mit WelBook — dem eBook-Reader auf der Steem-Blockchain
Respekt, großen Respekt, kann ich nur sagen. Kein leichter Weg, den du hinter dir hast.
Für Leute wie mich, die zum Glück keine Erfahrungen in der Richtung haben, ist das natürlich eine "andere" Welt. Aus der ehemaligen Clique, schon ewig her, waren einige dabei, die es nicht geschafft haben. Schwer begreiflich, wenn man sieht wie das Leben den Bach runter geht, und die kriegen die Kurve nicht.
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Danke dir 🙏🏻
Es ist sogar für mich schwer zu begreifen, warum ich nicht früher gesehen habe, was ich da mit mir anstelle ... heute ist wichtig, dazu und zu mir zu stehen 🍀
Und für alle Angehörigen und Freunde ... und Fremde, die ähnliches bei anderen beobachten: "Ihr seid nicht schuld und könnt nichts tun, solange der Betroffene es nicht von sich aus will.
Published with Welako
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