🕯 𝗛𝗲𝘂𝘁𝗲 𝘃𝗼𝗿 𝟯𝟮 𝗝𝗮𝗵𝗿𝗲𝗻, 𝗮𝗺 𝟮𝟵. 𝗠𝗮𝗶 𝟭𝟵𝟵𝟰, 𝘀𝘁𝗮𝗿𝗯 𝗘𝗿𝗶𝗰𝗵 𝗛𝗼𝗻𝗲𝗰𝗸𝗲𝗿

in #deutsch6 days ago

𝗶𝗻 𝗦𝗮𝗻𝘁𝗶𝗮𝗴𝗼 𝗱𝗲 𝗖𝗵𝗶𝗹𝗲 – 𝟴𝟭 𝗝𝗮𝗵𝗿𝗲 𝗮𝗹𝘁, 𝗸𝗿𝗲𝗯𝘀𝗸𝗿𝗮𝗻𝗸, 𝗶𝗺 𝗘𝘅𝗶𝗹 𝘂𝗻𝗱 𝗽𝗿𝗮𝗸𝘁𝗶𝘀𝗰𝗵 𝗮𝗹𝗹𝗲𝗶𝗻 𝗴𝗲𝗹𝗮𝘀𝘀𝗲𝗻

Wenn ein Mann achtzehn Jahre lang das wichtigste politische Amt eines Landes mit fast siebzehn Millionen Einwohnern bekleidet hat, dann darf man erwarten, dass sein Tod ein Datum in den Kalendern bleibt. Bei Erich Honecker ist das anders. Heute vor 32 Jahren starb er, und außerhalb derer, die in seinem Land aufgewachsen sind, erinnert sich kaum noch jemand. Genau deswegen schreibe ich heute über ihn – nicht um zu loben und nicht um zu verurteilen, sondern um ein Stück Geschichte festzuhalten, das viele von uns noch persönlich erlebt haben. 📜

𝗩𝗼𝗺 𝗗𝗮𝗰𝗵𝗱𝗲𝗰𝗸𝗲𝗿𝗹𝗲𝗵𝗿𝗹𝗶𝗻𝗴 𝘇𝘂𝗺 𝗥𝗲𝗴𝗶𝗲𝗿𝘂𝗻𝗴𝘀𝗰𝗵𝗲𝗳

Erich Ernst Paul Honecker kam am 25. August 1912 im saarländischen Neunkirchen zur Welt, als Sohn eines Bergarbeiters. Sein Vater war zunächst Sozialdemokrat, dann USPD-Mitglied, ab 1919 Kommunist. Politik wurde Erich also nicht in einer Universität beigebracht, sondern in der Familie. Mit zehn Jahren trat er einer Kommunistischen Kindergruppe bei, mit vierzehn dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands, mit siebzehn 1929 wurde er Vollmitglied der KPD. Eine begonnene Dachdeckerlehre brach er ab, weil ihn der KJVD an die Internationale Lenin-Schule nach Moskau schickte. Mit knapp zwanzig war er also schon politisch geschulter Funktionär.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ging er in den Untergrund. Im Saargebiet, das damals noch unter Völkerbundsmandat stand, konnte er zunächst weiter politisch arbeiten. Nach der Saarabstimmung 1935, die das Gebiet ans Deutsche Reich angliederte, floh er nach Frankreich. Im August 1935 kehrte er unter dem Decknamen „Marten Tjaden" mit einer Druckerpresse im Gepäck nach Berlin zurück, um dort den Widerstand zu organisieren. Am 4. Dezember 1935 wurde er von der Gestapo verhaftet. Im Juni 1937 verurteilte ihn der Volksgerichtshof zu zehn Jahren Zuchthaus wegen „Vorbereitung zum Hochverrat". Diese Strafe saß er bis zur Befreiung 1945 im Zuchthaus Brandenburg-Görden ab – fast zehn Jahre, vom dreiundzwanzigsten bis zum dreiunddreißigsten Lebensjahr, in einer Zeit, in der seine Altersgenossen Familien gründeten und Berufe lernten. ⛓

𝗗𝗲𝗿 𝗔𝘂𝗳𝘀𝘁𝗶𝗲𝗴 𝗶𝗻 𝗱𝗲𝗿 𝗗𝗗𝗥

Nach Kriegsende stieß Honecker zur „Gruppe Ulbricht", die im sowjetischen Auftrag die Verwaltung in der späteren SBZ wieder aufbaute. 1946 wurde er Mitbegründer der Freien Deutschen Jugend und blieb bis 1955 ihr Vorsitzender. In den fünfziger und sechziger Jahren kletterte er Stufe um Stufe die Funktionärsleiter hinauf. 1961 war er als Sekretär für Sicherheitsfragen im ZK der SED maßgeblich für den Bau der Berliner Mauer verantwortlich. Diesen Punkt sollte man, so schwer es einem auch fällt, nicht weglassen, weil daran auch die Schießbefehlsverantwortung an der innerdeutschen Grenze hing.

Am 3. Mai 1971 löste Honecker schließlich Walter Ulbricht als Erster Sekretär des Zentralkomitees der SED ab. Ulbricht musste gehen, weil er Moskau zunehmend unbequem geworden war. 1976 übernahm Honecker zusätzlich das Amt des Vorsitzenden des Staatsrats – damit hielt er die beiden höchsten Ämter in Partei und Staat in seiner Hand. In seine Amtszeit fielen die Anerkennung der DDR als Vollmitglied der Vereinten Nationen 1973, der Beitritt zur KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975, das umfangreiche Wohnungsbauprogramm, die Stabilisierung der Sozialleistungen und das berühmte sozialpolitische Versprechen „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik". 1987 erfolgte sein einziger Staatsbesuch in der Bundesrepublik bei Helmut Kohl – für viele DDR-Bürger und auch für ihn selbst ein historischer Moment. 🤝

𝟭𝟵𝟴𝟵 – 𝗱𝗲𝗿 𝗦𝘁𝘂𝗿𝘇

Mit Gorbatschows „Glasnost" und „Perestroika" konnte Honecker nichts anfangen. Er lehnte Reformen bis zuletzt ab. Im Herbst 1989, als die Massendemonstrationen in Leipzig, Dresden und vielen anderen Städten unübersehbar wurden, war im SED-Politbüro selbst kein Vertrauen mehr in ihren Generalsekretär da. Auf einer Krisensitzung am 17./18. Oktober 1989 zwangen ihn seine eigenen Genossen zum Rücktritt. Egon Krenz war einer der treibenden Akteure, abgesichert durch ein Gespräch zwischen Politbüromitglied Harry Tisch und Gorbatschow in Moskau. Honecker konnte sich nicht mehr wehren. Drei Wochen später fiel die Berliner Mauer. Sechs Wochen später war er aus der SED ausgeschlossen.

Damit begann sein langer, einsamer Abstieg. Ab November 1989 lief gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen Amtsmissbrauch und Korruption, im Januar 1990 saß er kurz in Untersuchungshaft, wurde aber wegen Haftunfähigkeit entlassen. Pfarrer Uwe Holmer von der evangelischen Pflegeanstalt Lobetal nahm ihn und Margot ins Pfarrhaus auf – eine bemerkenswerte christliche Geste, denn Holmers Kinder hatten unter dem DDR-Bildungssystem gelitten. Ab April 1990 lebte das Ehepaar im sowjetischen Militärspital in Beelitz-Heilstätten. 🏥

𝗙𝗹𝘂𝗰𝗵𝘁, 𝗣𝗿𝗼𝘇𝗲𝘀𝘀, 𝗖𝗵𝗶𝗹𝗲

Am 13. März 1991 wurde Honecker mit Hilfe der noch in Beelitz stationierten Sowjetarmee nach Moskau ausgeflogen. Acht Monate später, am 11. Dezember 1991, flüchtete er in die chilenische Botschaft in Moskau, weil die russische Regierung ihn nach Deutschland ausliefern wollte. Seine Tochter Sonja war mit einem Chilenen verheiratet, daher die Verbindung. Am 29. Juli 1992 wurde er trotzdem nach Berlin überstellt und kam in die Untersuchungshaftanstalt Berlin-Moabit. Dort verbrachte er fünfeinhalb Monate.

Die 27. Große Strafkammer des Berliner Landgerichts klagte ihn an wegen seiner Verantwortung für die Toten an der innerdeutschen Grenze. Aus seinen Aufzeichnungen aus dieser Zeit entstanden später die „Moabiter Notizen". Am 13. Januar 1993 hob das Berliner Verfassungsgericht den Haftbefehl auf, weil seine fortgeschrittene Leberkrebserkrankung mit der Würde eines Verfahrens nicht mehr vereinbar sei. Er reiste umgehend zu seiner Familie nach Santiago de Chile aus.

Dort lebte er noch genau 16 Monate. Allein in einer Welt, die nicht mehr seine war. Seine alten Genossen aus dem Politbüro hatten ihn fallen lassen. Die Heimat, für die er fast zehn Jahre Zuchthaus gesessen und vierzig Jahre Politik gemacht hatte, gab es nicht mehr. Im Westen verfolgten ihn die Gerichte, im Osten warfen ihm seine ehemaligen Anhänger seine Sturheit vor. Geblieben waren ihm seine Frau Margot, die Tochter Sonja und der Enkel Roberto. 🌎

𝟮𝟵. 𝗠𝗮𝗶 𝟭𝟵𝟵𝟰 – 𝗱𝗲𝗿 𝗧𝗮𝗴 𝗶𝗻 𝗦𝗮𝗻𝘁𝗶𝗮𝗴𝗼

Heute vor 32 Jahren erlag er seiner Leberkrebserkrankung. Am Tag danach versammelten sich Freunde und Verwandte zu einer privaten Trauerfeier in einer Kapelle des Friedhofs von Santiago. Margot hielt vor der Einäscherung Totenwache. Am Abend des 30. Mai wurde der Sarg eingeäschert. Vor dem Krematorium standen einige hundert chilenische Kommunisten und Linke, die ihm die letzte Ehre erweisen wollten – das war alles. Keine Staatstrauer, keine offizielle Delegation aus Deutschland, kein Ehrengeleit. Der ehemalige Generalsekretär einer Großmacht des Ostblocks ging in aller Stille von dieser Welt.

Was viele bis heute nicht wissen: Erich Honecker bekam nie ein richtiges Grab. Die Urne mit seiner Asche nahm Margot mit nach Hause. Sie soll viele Jahre lang in ihrem Schlafzimmer auf einem Kamin gestanden haben. Auch nach Margots Tod 2016 wurde die Urne nicht beigesetzt. 2018 enthüllte sein Enkel Roberto Yáñez in seinem Buch „Ich war der letzte Bürger der DDR", dass die Asche beider Honeckers bis heute bei einem „Freund der Familie" aufbewahrt wird. Die Tochter Sonja erwägt, die Asche dem Pazifik zu übergeben. Ein Mann, der achtzehn Jahre lang ein Land regiert hat, hat heute, 32 Jahre nach seinem Tod, weder Grab noch Gedenkstein.

𝗗𝗲𝗿 𝗕𝗲𝘀𝘂𝗰𝗵 𝗶𝗻 𝗚𝗼𝘁𝗵𝗮 – 𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗔𝗻𝗲𝗸𝗱𝗼𝘁𝗲

An einen Honecker-Besuch in meiner Heimatstadt Gotha kann ich mich noch genau erinnern. Schon Tage vorher liefen die Vorbereitungen. Das Rathaus wurde frisch angestrichen, die Auslagen in den Schaufenstern entlang der vermuteten Fahrtroute über Nacht großzügig bestückt mit Waren, die es im DDR-Alltag sonst gar nicht oder nur selten gab. Alles musste passen, denn der Genosse Honecker sollte einen Eindruck von einer blühenden Bezirksstadt bekommen. Dummerweise kam seine Wagenkolonne dann von der anderen Seite ans Rathaus heran – die hatten nämlich nur eine Fassade angestrichen. Und die schöne Auslagen-Welt sah er auch nicht, weil er nur einen kleinen Teil der Innenstadt passierte. Das war damals natürlich Stadtgespräch und sorgte für viel Belustigung. ☺

Aus solchen Episoden ziehe ich für mich eine Schlussfolgerung. Ich denke, Erich Honecker wusste in seinen letzten Amtsjahren nicht mehr wirklich, wie es in seinem eigenen Land tatsächlich aussah. Er sah angestrichene Rathaus-Fassaden, gut gefüllte Schaufenster und jubelnde Werktätige, die man für ihn vorbereitet hatte. Was er nicht sah, waren die echten Probleme, die wirtschaftliche Erschöpfung, die wachsende Unzufriedenheit, die leeren Regale in den Provinzen.

𝗠𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗲𝗶𝗴𝗲𝗻𝗲 𝘇𝘄𝗶𝗲𝘀𝗽ä𝗹𝘁𝗶𝗴𝗲 𝗦𝗶𝗰𝗵𝘁

Persönlich glaube ich – und jeder darf das gerne anders sehen –, dass Honecker ein überzeugter Sozialist war. Er hat sich nicht persönlich bereichert wie viele Politiker heute. Er hat keine Schweizer Konten angelegt, keine Luxusimmobilien gebunkert, keine Privatwirtschaft aufgebaut. Was er hatte, war seine Wandlitz-Siedlung, sein Dienstwagen, seine Jagdrechte – Komfort eines DDR-Spitzenfunktionärs, ja, aber nichts im Vergleich zu dem, was sich Politiker im Westen damals und heute leisten. Er hat für seine Überzeugung als junger Mann zehn Jahre in einem nationalsozialistischen Zuchthaus gesessen. Das ist kein Pappenstiel.

𝘌𝘳𝘪𝘤𝘩 𝘏𝘰𝘯𝘦𝘤𝘬𝘦𝘳 𝘴𝘵𝘢𝘳𝘣 𝘶𝘯𝘦𝘩𝘳𝘦𝘯𝘩𝘢𝘧𝘵, 𝘧𝘦𝘳𝘯 𝘥𝘦𝘳 𝘏𝘦𝘪𝘮𝘢𝘵, 𝘷𝘦𝘳𝘥𝘢𝘮𝘮𝘵 𝘷𝘰𝘯 𝘷𝘪𝘦𝘭𝘦𝘯, 𝘥𝘪𝘦 𝘪𝘩𝘮 𝘷𝘰𝘳𝘩𝘦𝘳 𝘫𝘢𝘩𝘳𝘻𝘦𝘩𝘯𝘵𝘦𝘭𝘢𝘯𝘨 𝘢𝘱𝘱𝘭𝘢𝘶𝘥𝘪𝘦𝘳𝘵 𝘩𝘢𝘵𝘵𝘦𝘯. 𝘔𝘢𝘯𝘤𝘩𝘮𝘢𝘭 𝘥𝘦𝘯𝘬𝘦 𝘪𝘤𝘩, 𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘥𝘢𝘴 𝘬𝘦𝘪𝘯 𝘌𝘯𝘥𝘦 𝘪𝘴𝘵, 𝘥𝘢𝘴 𝘮𝘢𝘯 𝘫𝘦𝘮𝘢𝘯𝘥𝘦𝘮 𝘸ü𝘯𝘴𝘤𝘩𝘵. 𝘜𝘯𝘥 𝘢𝘶𝘤𝘩 𝘥𝘢𝘴 𝘨𝘦𝘩ö𝘳𝘵 𝘻𝘶𝘳 𝘎𝘦𝘴𝘤𝘩𝘪𝘤𝘩𝘵𝘦 – 𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘦𝘪𝘯 𝘔𝘢𝘯𝘯, 𝘥𝘦𝘳 𝘧ü𝘯𝘧𝘶𝘯𝘥𝘷𝘪𝘦𝘳𝘻𝘪𝘨 𝘑𝘢𝘩𝘳𝘦 𝘧ü𝘳 𝘴𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘐𝘥𝘦𝘢𝘭𝘦 𝘨𝘦𝘬ä𝘮𝘱𝘧𝘵 𝘩𝘢𝘵, 𝘢𝘮 𝘌𝘯𝘥𝘦 𝘬𝘦𝘪𝘯 𝘎𝘳𝘢𝘣 𝘢𝘶𝘧 𝘥𝘦𝘶𝘵𝘴𝘤𝘩𝘦𝘮 𝘉𝘰𝘥𝘦𝘯 𝘩𝘢𝘵, 𝘢𝘶𝘧 𝘥𝘢𝘴 𝘔𝘦𝘯𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯 𝘉𝘭𝘶𝘮𝘦𝘯 𝘭𝘦𝘨𝘦𝘯 𝘬ö𝘯𝘯𝘵𝘦𝘯, 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘴𝘪𝘦 𝘥𝘦𝘯𝘯 𝘸𝘰𝘭𝘭𝘵𝘦𝘯.


Veröffentlicht mit Welako