Silber crasht – aber du kannst es nicht kaufen. Paper vs. Physical für Dummies erklärt
Freitag, 30. Januar 2026: Silber fällt innerhalb kurzer Zeit brutal von rund $121 in Richtung $95 – und setzt den Abverkauf in den folgenden Tagen fort. Gold rutscht ebenfalls deutlich ab. Gleichzeitig melden Händler weltweit: ausverkauft, pausierte Verkäufe, Lieferverzögerungen, Kauf-Limits.
Klingt widersprüchlich? Ist es auch. Und genau dieser Widerspruch ist der Schlüssel, um zu verstehen, warum viele Anleger bei Silber reflexartig falsch reagieren.
Wir erklären das jetzt ohne Drama, ohne Verschwörungsrhetorik – aber so klar, dass es wirklich jeder versteht:
Silber ist nicht ein Markt. Es sind zwei.
1) Der Grundfehler: Es gibt zwei Silbermärkte
Stell dir zwei Supermärkte vor:
- Supermarkt A verkauft Gutscheine: „Du bekommst später Milch.“
- Supermarkt B verkauft echte Milch im Kühlschrank.
Wenn der Gutscheinpreis fällt, heißt das nicht automatisch, dass im Kühlschrank mehr Milch steht.
Genau so funktioniert der Silbermarkt:
- Papiermarkt: Futures, Derivate, ETFs – riesiges Volumen, viel Hebel, kaum physische Lieferung.
- Physischer Markt: Münzen, Barren, reale Lieferung – kleiner, träger, aber entscheidend.
Im Normalfall spiegeln sich beide. In Stressphasen reißt diese Verbindung.
2) Warum der Crash Ende Januar mechanisch erklärbar ist
Der Abverkauf rund um den 30. Januar war kein „mysteriöses Ereignis“, sondern typisch für stark gehebelte Märkte:
- Margin-Anforderungen wurden angehoben.
- Trader mussten Positionen schließen.
- Automatische Liquidationen verstärkten den Abwärtsdruck.
Reuters beschreibt genau diese Dynamik: starke Volatilität, Verkaufsdruck und Margin-Effekte als zentrale Treiber des Preissturzes.
Wichtig: Das erklärt den Papierpreis. Es erklärt noch nicht, warum physisches Silber gleichzeitig verschwindet.
3) Der Lackmustest: Preis fällt – Ware verschwindet
In einem funktionierenden Markt gilt: Preis fällt → Angebot steigt oder Nachfrage sinkt → Ware wird verfügbar.
Ende Januar 2026 passierte das Gegenteil:
Preis fällt → Nachfrage nach physischem Silber steigt → Verfügbarkeit sinkt.
Das ist kein theoretisches Konstrukt, sondern praktisch beobachtbar:
- Münzstätten berichten über hohe Nachfrage und Verzögerungen.
- Händler führen Wartelisten oder Kauf-Limits ein.
- Prämien bleiben hoch oder steigen trotz fallendem Spotpreis.
Die Perth Mint bestätigte im Januar 2026 erneut eine außergewöhnlich hohe Nachfrage nach bestimmten Silberprodukten sowie Verzögerungen bei der Auslieferung – kein offizielles „Engpass-Statement“, aber ein klares Signal, dass physische Verfügbarkeit nicht beliebig ist.
4) Papier ist skalierbar – Metall nicht
Der Papiermarkt kann Angebot erzeugen, indem neue Kontrakte ausgegeben werden. Physisches Silber kann man nicht per Tastendruck vermehren.
Wenn viele Käufer gleichzeitig physisches Metall wollen, entstehen zwangsläufig:
- Backlogs
- Rationierungen
- Lieferverzögerungen
- stabile oder steigende Prämien
Deshalb ist diese Unterscheidung zentral:
Spotpreis = Bildschirmpreis
Realpreis = Spot + Prämie + Lieferfähigkeit
5) SHFE / China: Warum Lagerabflüsse zählen
Ein besonders harter Indikator sind Lagerbestände an Börsen. Öffentliche Daten zeigen, dass die Silberbestände an der Shanghai Futures Exchange (SHFE) im Januar 2026 bei rund 455 Tonnen lagen.
In der letzten Januarwoche kam es zu einem außergewöhnlich schnellen Abfluss – Berichte sprechen von rund 25–30 Tonnen innerhalb weniger Handelstage.
Der entscheidende Punkt:
Dieser Abfluss beschleunigte sich, während der Papierpreis nach dem 30. Januar weiter fiel.
Das deutet darauf hin, dass physische Käufer den Preisverfall als Kaufgelegenheit nutzten – und Metall aus öffentlichen Lagern abzogen.
6) Warum dieses Muster so explosiv ist
Wenn ein Markt über Jahre strukturell eng ist, wirken Stressphasen wie ein Vergrößerungsglas:
- Papier-Trader verkaufen aus Zwang.
- Physische Käufer akkumulieren.
Das Ergebnis ist paradox, aber logisch:
Der Bildschirm zeigt einen Crash – die reale Ware wird knapper.
7) Die wichtigste Lehre (kein Rat, nur Logik)
In solchen Phasen entscheidet nicht der Chart, sondern die Verfügbarkeit.
Wer nur fragt „Was kostet Silber?“, sieht die halbe Wahrheit.
Wer fragt „Zu welchen Bedingungen bekomme ich es wirklich?“, sieht das ganze Bild.
Fazit: Kein freier Markt, sondern zwei Ebenen
Der Preissturz Ende Januar lässt sich über Liquidationen und Margin-Effekte erklären. Gleichzeitig zeigen physische Engpass-Signale, dass der Papierpreis die reale Marktlage nur unvollständig abbildet.
Oder ganz einfach:
Wenn der Preis fällt, aber die Ware verschwindet, dann schaust du nicht auf einen normalen Markt – sondern auf eine Verzerrung.
Wer diese Unterscheidung versteht, reagiert ruhiger. Wer sie nicht versteht, wird vom Chart gesteuert.

Das ganze ist etwas komplexer.
Grundsätzlich aber richtig. Am Ende entscheidet die Verfügbarkeit.
Reale Welt ist der Maßstab.
Ich könnte jetzt noch einige Hardfacts nennen, wie z.B. die UBS in Asien, welche am Mittwoch die Käufe ihres Silberfonds Unterband. Als das nicht fruchtete, kam die nächste Welle an Margin Calls.
Ein abgekatertes Spiel womit der Chart verzerrt wird .
14x soviel Papiersilber wie physisch an der Comex verfügbar ist schon ein Hinweis dafür, dass seit Jahrzehnten der Kurs von Silber systematisch verzerrt wird.
Aus technischer Sicht kann Silber noch mal einen Haken schlagen.
Kommt die Währungsreform, dann steht Silber beim 1000-fachen.
Danke dir für die Einordnung 👍
Da bin ich bei dir: Es ist natürlich komplexer, und genau deshalb war mir wichtig, es zunächst auf den Kern herunterzubrechen – Verfügbarkeit schlägt Bildschirmpreis. Die reale Welt setzt am Ende den Maßstab.
Der Hinweis auf UBS Asien und die gestoppten Fonds-Käufe passt sehr gut ins Bild. Das zeigt ja genau diese Bruchlinie zwischen Papiermechanik und physischer Realität. Margin Calls als „Disziplinierungsinstrument“ verzerren den Chart zusätzlich – technisch sauber, inhaltlich aber hochproblematisch.
Die Relation Papier zu physisch an der Comex ist m.E. tatsächlich der Elefant im Raum. Dass so ein Hebel über Jahrzehnte funktioniert, erklärt auch, warum Silber fundamental immer „zu billig“ wirkt, aber nie sauber ausbricht.
Dass Silber technisch noch einen Haken schlagen kann, sehe ich ebenfalls – gerade weil solche Systeme ihre letzten Bewegungen oft mit maximaler Verunsicherung erzwingen.
Ob es am Ende eine Währungsreform braucht oder „nur“ einen Vertrauensbruch im Papiermarkt, wird man sehen. Aber dass Silber in so einem Szenario explosiv reagiert, daran habe ich wenig Zweifel.
Danke für den sachlichen Zusatz – genau solche Ergänzungen machen die Diskussion wertvoll.