Wenn die Guten hetzen – Wann Aktivismus ins Autoritäre kippt?steemCreated with Sketch.

in #deutsch3 months ago

In Berlin-Alt-Treptow kursiert eine Broschüre der Partei Die Linke. Darin wird ein unliebsames Medienangebot als „braun“ etikettiert und die Nachbarschaft aufgefordert, es „unbequem zu machen“ und „aus unseren Räumen zu vertreiben“. Keine Quellen, keine Widerlegung – nur moralische Markierung plus Handlungsaufruf.

Dieser Text unternimmt keinen Gegenangriff. Er stellt eine Frage: Ab welchem Punkt kippt politischer Aktivismus – auch der gut gemeinte – in autoritäres Verhalten? Und: Kommt man damit nicht strukturell in die Nähe dessen, was man sonst „faschistisch“ nennt?


1) Der Anlass: Moral statt Argument

Der zitierte Flyer arbeitet mit drei Bausteinen:

  • Moralische Etiketten: „braun“, „kein Platz“, „unbequem machen“.
  • Sozialer Druck: an die „Nachbarschaft“ gerichtet, also an unmittelbare soziale Beziehungen.
  • Handlungsaufruf gegen Personen statt Inhalte: Nicht „widerlegt die Argumente“, sondern „macht das Medium weg“.

Man muss Apollo News nicht mögen, um den Mechanismus zu erkennen: Die Auseinandersetzung wird nicht inhaltlich, sondern moralisch geführt. Damit verschiebt sich der Streit vom Prüfbaren („Stimmt X?“) zum Zugehörigen („Bist du bei uns oder bei denen?“).


2) Was „Faschismus“ in der Struktur bedeutet – fünf Merkmale

Der Begriff wird inflationär benutzt. Umso wichtiger ist eine nüchterne Strukturbetrachtung. Ohne historischen Totalvergleich, aber als Prüfraster für Tendenzen:

  1. Freund–Feind-Schema: Politik wird zur moralischen Lagerfrage; das Gegenüber wird delegitimiert, nicht widerlegt.
  2. Delegitimierung abweichender Stimmen: „Kein Platz“ statt „Widerspruch“; soziale Existenz statt Argument wird getroffen.
  3. Mobilisierung der Straße und des sozialen Umfelds: Druck durch Kollektiv, nicht durch Prüfung.
  4. Sprache als Waffe: Etiketten ersetzen Evidenz; Schlagworte ersetzen Belege.
  5. Verschiebung des Normals: Aus der Ausnahme („gegen die da!“) wird eine Routine der Ausgrenzung.

Wer diese Punkte beobachtet – egal von welcher Seite – sieht eine autoritäre Grammatik am Werk. Sie kann links wie rechts auftreten. Die politische Richtung ändert nichts an der Struktur.


3) Der demokratische Kern: Aushalten, Prüfen, Widerlegen

Eine offene Gesellschaft lebt nicht davon, dass wir einander für „gut“ erklären. Sie lebt davon, dass wir Fehler öffentlich korrigieren können. Dazu braucht es drei Dinge:

  • Zugänglichkeit: Auch unbequeme Stimmen dürfen gehört werden.
  • Widerlegbarkeit: Behauptungen müssen überprüfbar sein; Etiketten helfen dabei nicht.
  • Verhältnismäßigkeit: Kritik zielt auf Inhalte, nicht auf soziale Existenzvernichtung.
„Freiheit beginnt dort, wo man aushält, dass der andere Unrecht haben darf – und wo man es zeigt, statt ihn zu entfernen.“

4) Gegenargumente – und warum sie nicht überzeugen

Gegenargument A: „Aber das sind doch Extremisten – denen darf man keinen Raum lassen.“

Entgegnung: Wer „Extremismus“ behauptet, muss ihn nachweisen. Sonst wird das Wort zur Universalbegründung für jedes Verbot. Der rechtsstaatliche Weg lautet: Belegen – prüfen – gegebenenfalls sanktionieren, nicht: Stigmatisieren – vertreiben.

Gegenargument B: „Das ist nur ziviler Protest – völlig legitim.“

Entgegnung: Protest ist legitim. Aber Protest, der auf soziale Ächtung und Verdrängung abzielt, verlagert die Auseinandersetzung weg von der Sache hin zur Person. Das ist der Punkt, an dem moralischer Aktivismus autoritäre Züge annimmt.

Gegenargument C: „Die anderen machen es doch auch.“

Entgegnung: Spiegelverkehrte Fehler machen die eigenen nicht besser. Wenn Ausgrenzung einmal als Mittel akzeptiert ist, setzt sich die Spirale beidseitig fort.


5) Eine nüchterne Definition von „Autoritarismus im Kleinen“

Man braucht keine Parteimiliz und keine Uniform, damit autoritäres Verhalten entsteht. Es genügt eine Praxis, die:

  • kritische Stimmen nicht widerlegt, sondern markiert,
  • Diskursräume nicht öffnet, sondern verengt,
  • Menschen nicht als Bürger, sondern als Träger eines Etiketts anspricht,
  • soziale Sanktionierung (Job, Raum, Nachbarschaft) als Mittel der Politik empfiehlt.

Ob man das schon „Faschismus“ nennt, ist eine Streitfrage. Aber wer diese Grammatik normalisiert, verlässt den demokratischen Stil.


6) Eine kleine Checkliste für Aktivisten (aller Lager)

  • Widerlegst du gerade eine Behauptung – oder verteilst du Etiketten?
  • Triffst du das Argument – oder die Existenz des Gegners?
  • Würdest du dieselbe Methode auch tolerieren, wenn sie dich selbst träfe?
  • Kann ein Außenstehender prüfen, was du behauptest?
  • Ist dein Ziel Wahrheitssuche – oder Lagerbindung?

Wer diese Fragen ehrlich bejaht, bleibt im Rahmen einer offenen Gesellschaft. Wer sie verneint, sollte den eigenen Kurs korrigieren – unabhängig von politischer Farbe.


7) Was stattdessen? Vier einfache Regeln für zivilen Streit

  1. Zitat statt Zuschreibung: Zitiere, was wirklich gesagt wurde, und arbeite am Wortlaut.
  2. Belege statt Branding: Nutze Quellen, Gegenquellen, Widerspruch – nicht Schlagworte.
  3. Ort der Kritik: Gehe dorthin, wo die Argumente liegen – schreib eine Replik, lade zur Debatte, öffne die Bühne.
  4. Grenzen des Zulässigen: Wo Strafbares vorliegt, sind Polizei und Gerichte zuständig – nicht der soziale Mob.

8) Schluss – Die unbequeme Frage an „die Guten“

Kein politisches Lager hat ein Monopol auf das Gute. Wer sich darauf beruft, glaubt schnell, Ausnahmen von Regeln machen zu dürfen. Genau hier beginnt der Abstieg: vom offenen Streit zur moralischen Säuberung.

„Ist es nicht ironisch, dass ausgerechnet die, die Faschismus bekämpfen, immer öfter Methoden anwenden, die seiner Logik ähneln? Nicht weil sie böse wären – sondern weil sie sicher sind, gut zu sein.“

Die Demokratie braucht keine makellosen Menschen, sondern belastbare Verfahren: Widerspruch, Prüfung, Minderheitenschutz. Das gilt für alle – auch, vielleicht gerade, für jene, die sich „die Guten“ nennen.


Hinweis: Dieser Text kritisiert kein spezifisches Parteiprogramm und reklamiert kein anderes Medium als „gut“. Er plädiert für eine Kultur der Widerlegung statt der Verdrängung – und für den Mut, die eigenen Methoden der Freiheit zu unterwerfen.

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Woher hast du das Was „Faschismus“ in der Struktur bedeutet – fünf Merkmale?

Aus dem Leben abgeschrieben 😜

Manche Dinge erkennt man irgendwann auch ohne Quelle.

Das war ja eine halbe Doktorarbeit 😀

Schade dass die Begriffe Faschismus oder rechtsextrem die letzten Jahre immer häufiger werden und Themen darüber. Wir hatten das Thema Medien und wie man beeinflusst wird durch diese, gleichzeitig bedienen sich aber auch die Parteien genau an diesen Medien um Eindrücke, Diskussionen und Meinungen zu schaffen. Zu mir:
Dass ich die AFD sehr problematisch und undemokratisch sehe hat nicht erst vor kurzem begonnen. Als die AFD als neue Partei bekannt wurde und noch über die Eurokrise debattierte, war ihre politische Richtung erstmal noch nicht gleich ersichtlich. Bundestagswahlen standen an, ich und meine beste Freundin saßen zusammen und haben überlegt wen man denn wählen könnte. Damals waren die Grünen noch cool und stark, es ging damals um Klimathemen und umstieg auf erneuerbare Energien. Die Linken damals schwach und sie zeigten sich kaum. Neben der AFD kam gleichzeitig die Piratenpartei raus, aber schon wegen des Parteinamens wurden viele potenzielle Wähler abgeschreckt und die Partei wurde nicht ernst genommen. Ich fragte dann "hast du mal wegen der AFD geschaut und teilen die unsere Werte und Einstellung?" Sie sagte sofort: "vergiss es, rechts und konservativ."
Ich schaute mir in Ruhe das Parteiprogramm an und mir widerstrebte ihre konservative und rückläufige Familien-, Klima-, Drogen- und Asylpolitik. Ich verfolge sie schon lange.

Ich suche vergeblich nach dem Argument – ein klassisches argumentum ad hominem also: ein persönlicher Angriff, der nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun hat, zählt nicht als Sachargument.

Statt Argumente zu prüfen oder Positionen zu hinterfragen, wird hier eine ganze Personengruppe verspottet und damit entmenschlicht. Genau das ist gefährlich, denn Entmenschlichung war immer der erste Schritt zur Rechtfertigung von Ausgrenzung.

Es stellt sich daher die Frage, ob man mit solcher Rhetorik nicht selbst in jene Denkstrukturen zurückfällt, die man zu bekämpfen vorgibt.

Wer überzeugt ist, sollte argumentieren können – nicht abwerten müssen.

Ich habe schon vor Jahren aufgehört mit Nazis Taubenschach zu spielen.
Aber hier hast du 3662 Argumente, warum der braune Müllhaufen verboten gehört
https://afd-verbot.de/beweise
Selbst Erik Ahrens will nichts mehr mit dem Heuchel Verein was zu tun haben.

Haha, wenigstens Argumente – auch wenn ich glaube, dass Ahrens nur die Linke unterwandert, um den Spieß umzudrehen (so ein bisschen wie Alicia Joe trifft Franziska Schreiber 😄). Aber das wird die Zeit zeigen. „Nazis“ ist was ganz anderes – wer den Begriff in dem Zusammenhang verharmlost, verkennt, dass Nazis vor allem entmenschlicht haben.

Mann präsentiert tausende Argumente und dann folgt so ein Geschwurbel
Siehst du, genau sowas ist Taubenschach (worauf ich keinen Bock mehr habe, das es sinnlos ist, mit rechtskonservativen zu reden.)
Taubenschach= Metapher für eine absurde und nutzlose Auseinandersetzung, bei der man sich mit einer Person engagiert, die keine Regeln anerkennt, Fakten ignoriert und eine Diskussion auf unfaire Weise gewinnt, indem sie die Figuren umwirft, das Spielfeld beschmutzt und sich als Sieger präsentiert.