𝗔𝗹𝘀 𝗱𝗮𝘀 𝗟𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗮𝘂𝘀𝗴𝗶𝗻𝗴 🕯️

in Steem Germany12 days ago

Es war ein Samstag. Später Nachmittag, draußen schon dämmerig. Spätherbst, vielleicht Anfang Winter. Der Kachelofen in der Stube bollerte seit dem Morgen, die Wohnung war mollig warm, und eigentlich war alles wie immer.

Und dann war es das nicht mehr.

Ein kurzes Flackern. Ein leises Knacken. Und dann: nichts.

Dunkel.

Nicht so ein Dunkel wie heute, wo irgendwo immer ein Standby-Lämpchen glimmt oder das Handy den halben Raum anstrahlt. Sondern richtiges Dunkel. So dunkel, dass man die eigene Hand nicht mehr sieht. So dunkel, dass die Wohnung, die man in- und auswendig kannte, plötzlich ein völlig anderer Ort war.

Für eine Sekunde war es still. Komplett still. Als hätte jemand nicht nur das Licht ausgeschaltet, sondern die ganze Welt.

Und dann sagte Mutti: 𝗕𝗹𝗲𝗶𝗯𝘁 𝘀𝗶𝘁𝘇𝗲𝗻.

Zwei Worte. Ruhig. Bestimmt. Als wäre das alles nichts weiter als eine kleine Unannehmlichkeit.

Man hörte sie aufstehen. Den Stuhl scharren. Dann ihre Schritte, langsam, sicher, durch die dunkle Wohnung. Sie wusste genau, wo die Schublade war. Die Schublade mit den Streichhölzern. Ein Kratzen, ein Zischen, und dann brannte eine dicke Kerze im Flur und eine zweite in der Stube.

Aber richtig hell wurde es davon nicht. Und das Flackern der Kerzen, die Schatten die über die Wände tanzten, die machten das Ganze nicht besser. Im Gegenteil. Für einen kleinen Steppke von sechs oder sieben Jahren, allerhöchstens acht, war das flackernde Licht fast noch unheimlicher als die Dunkelheit davor.

Ich bin zum Fenster gelaufen. Habe rausgeschaut. Und was ich sah, hat mir den Rest gegeben.

Nichts.

Kein Licht in den Fenstern gegenüber. Kein Licht in der Straße. Nicht einmal die Laternen vor unserer Haustür leuchteten. Das ganze Viertel war dunkel. Vielleicht die ganze Stadt. Nur der Himmel war da oben irgendwo, grau und schwer, und unten: schwarz.

Es ist schon etwas anderes, wenn bei dir zu Hause das Licht ausgeht. Da weißt du: In der Straße leuchten die Laternen, die Nachbarn haben Licht, die Welt funktioniert noch. Aber wenn du aus dem Fenster schaust und draußen ist es genauso dunkel wie drinnen, dann bekommt ein kleiner Junge ein mulmiges Gefühl.

Mutti hat das gemerkt. Natürlich hat sie das gemerkt. Muttis merken so was immer.

𝗪𝗮𝗿𝘁𝗲 𝗺𝗮𝗹 𝗸𝘂𝗿𝘇, sagte sie. Und dann verschwand sie. Ich hörte ihre Schritte Richtung Boden, also den angrenzenden Abstellraum. Es rumpelte. Etwas wurde geschoben. Und dann kam sie zurück, mit einem Ding in der Hand, das ich noch nie gesehen hatte.

Eine Petroleumlampe.

Uralt. Verstaubt. Aus dem tiefsten Versteck im Boden hervorgekramt, als hätte sie da jahrelang auf genau diesen Moment gewartet. Mutti putzte das Glas mit einem Lappen ab, drehte am Rädchen, zündete den Docht an – und plötzlich war das Wohnzimmer in warmes, gleichmäßiges Licht getaucht. Nicht so zittrig wie die Kerze. Ruhiger. Sicherer.

Und mit dem Licht kam die Ruhe.

Eigentlich war das ein ganz normaler Samstagabend. Normalerweise hätten wir vor dem Fernseher gesessen. Wir hatten damals noch den alten Schwarz-Weiß-Fernseher, den mit dem Drehknopf für die Programme. Und ja, wir haben auch Westfernsehen geschaut, was man natürlich nicht jedem erzählt hat. Manchmal haben wir stattdessen Gesellschaftsspiele gespielt, Mensch ärgere dich nicht oder Halma. Aber an diesem Abend ging beides nicht. Kein Strom, kein Fernseher. Kein Licht zum Spielbrett.

image.png

Also saßen wir zusammen. Im Kerzenlicht und im Schein der Petroleumlampe. Der Kachelofen glühte vor sich hin, und sein Knacken war plötzlich das lauteste Geräusch in der Wohnung.

Und dann fingen wir an, Schattenspiele zu machen.

Mein Bruder hielt seine Hände ins Licht und warf einen Hasen an die Wand. Oder etwas, das ein Hase sein sollte. Es sah eher aus wie ein missratener Dackel. Ich versuchte einen Vogel. Es sah aus wie eine kaputte Schere. Mutti machte nichts, sie schaute nur zu, und in ihrem Gesicht war dieses Lächeln, das ich heute noch vor mir sehe. So ein stilles Lächeln. Als würde sie gerade nirgendwo anders sein wollen.

Die Schatten tanzten an der Wand und wir saßen da und haben gelacht, und draußen war die ganze Welt dunkel, und es war uns vollkommen egal.

Irgendwann bekamen wir Hunger.

Nun war es so: Wir hatten zwar einen Elektroherd, aber in der Küche stand auch noch der Kohleofen. Und der lief ohnehin seit dem Morgen, weil es ja Spätherbst war. Also war es auch kein Problem, etwas zuzubereiten.

Und was es gab, das weiß ich heute noch, als wäre es gestern gewesen.

Strammen Max.

Wer das nicht kennt: Eine große Scheibe Brot von der Bäckerei. Richtig gutes Brot, nicht so ein weiches Zeug wie heute. Darauf Butter, zwei Scheiben Leberkäse, und oben drauf zwei Spiegeleier. Fertig.

Der Leberkäse kam von der Fleischerei eine Straße weiter. Wie die hieß, weiß ich leider nicht mehr. Aber ich weiß noch genau wo sie war. Wenn man da wieder zurücklief, ein paar Meter weiter hoch, kam man zur Bäckerei Brychcy, wo ich morgens manchmal die Brötchen geholt habe. Das war alles dicht beieinander. Die Bäckerei, die Fleischerei, unser Haus. Man kannte sich. Man brauchte keinen Supermarkt. Man brauchte nur seine Straße.

Ich habe den Strammen Max immer gerne gegessen. Manchmal auch mit Schinken statt Leberkäse. Aber an diesem Abend, bei Kerzenlicht und Petroleumlampe, auf dem Kohleofen gebraten, schmeckte er besonders. Vielleicht lag es am Licht. Vielleicht daran, dass wir alle zusammensaßen und es nichts gab, das ablenkte. Kein Radio. Kein Fernseher. Keine Hektik.

Nur Mutti, mein Bruder und ich. Ein Tisch. Ein Stramme Max. Und draußen die dunkelste Nacht, die ich als Kind erlebt habe.

Es ist schon komisch, was man manchmal für Erinnerungen im Kopf hat. So eine Kleinigkeit. Ein Stromausfall. Schattenspiele an der Wand. Ein Abendessen bei Kerzenlicht. Zusammen sitzen und sich unterhalten.

Ohne Radio. Ohne Fernseher. Ohne Smartphone.

Manch einer heute kann sich solche Situationen gar nicht mehr vorstellen. Dass man nicht sofort zehn Leute per WhatsApp anschreibt: 𝗘𝘆, 𝗵𝗮𝘀𝘁 𝗱𝘂 𝗻𝗼𝗰𝗵 𝗦𝘁𝗿𝗼𝗺? Dass man einfach sitzt und wartet und redet und merkt: Das reicht eigentlich. Das ist eigentlich mehr als genug.

Das sind eben die kleinen Momente im Leben. Die man vielleicht jahrelang vergessen hat. Die irgendwo ganz hinten liegen, zugedeckt von tausend anderen Tagen. Und dann, auf einmal, im Alter, sieht man es plötzlich deutlich vor sich. Als wäre es erst letzte Woche gewesen.

Muttis Gesicht im Kerzenlicht. Die Petroleumlampe die den Raum in Gold taucht. Schatten an der Wand die wie Hasen aussehen. Und der Geruch von Stramme Max auf dem Kohleofen.

Irgendwann in der Nacht kam der Strom zurück. Ich weiß nicht mehr wann genau. Ich lag schon im Bett. Aber ich erinnere mich, dass plötzlich im Flur das Licht anging, weil Mutti vergessen hatte den Schalter umzulegen. Und ich erinnere mich, dass ich dachte: Schade.

Weil es mit den Kerzen schöner war.

𝘐𝘤𝘩 𝘸𝘢𝘳 𝘬𝘭𝘦𝘪𝘯, 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘏𝘦𝘳𝘻 𝘸𝘢𝘳 𝘳𝘦𝘪𝘯. ❤️

𝘔𝘢𝘯𝘤𝘩𝘮𝘢𝘭 𝘮𝘶𝘴𝘴 𝘥𝘢𝘴 𝘓𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘢𝘶𝘴𝘨𝘦𝘩𝘦𝘯, 𝘥𝘢𝘮𝘪𝘵 𝘮𝘢𝘯 𝘴𝘪𝘦𝘩𝘵 𝘸𝘢𝘴 𝘸𝘪𝘳𝘬𝘭𝘪𝘤𝘩 𝘭𝘦𝘶𝘤𝘩𝘵𝘦𝘵. 𝘌𝘪𝘯 𝘒𝘢𝘤𝘩𝘦𝘭𝘰𝘧𝘦𝘯 𝘥𝘦𝘳 𝘨𝘭ü𝘩𝘵. 𝘌𝘪𝘯𝘦 𝘒𝘦𝘳𝘻𝘦 𝘥𝘪𝘦 𝘧𝘭𝘢𝘤𝘬𝘦𝘳𝘵. 𝘜𝘯𝘥 𝘔𝘦𝘯𝘴𝘤𝘩𝘦𝘯, 𝘥𝘪𝘦 𝘦𝘪𝘯𝘧𝘢𝘤𝘩 𝘥𝘢 𝘴𝘪𝘯𝘥.

Kennt ihr das noch – Stromausfall, Kerzen raus, und plötzlich war der Abend schöner als geplant? Und was gab es bei euch, wenn der Herd nicht ging? 💬

Coin Marketplace

STEEM 0.05
TRX 0.28
JST 0.045
BTC 65683.56
ETH 1896.44
USDT 1.00
SBD 0.38