𝗦𝗮𝗻𝗱𝗺ä𝗻𝗻𝗰𝗵𝗲𝗻 𝘂𝗻𝗱 𝗮𝗯 𝗶𝗻𝘀 𝗕𝗲𝘁𝘁 🌙

in Steem Germany7 days ago

Es gab eine Uhrzeit. Eine feste, unverrückbare, in Stein gemeißelte Uhrzeit. Und wenn das Sandmännchen seinen Schlafsand gestreut hatte, dann war diese Uhrzeit erreicht.

Schlafenszeit.

Keine Verhandlung. Kein Wenn und Aber. Sandmännchen fertig, Fernseher aus, ab ins Bett.

Na gut. Natürlich hat man verhandelt. Natürlich hat man es versucht. Wenn ich jetzt behaupten würde, da gab es niemals Diskussionen, wäre das gelogen.

𝗔𝗰𝗵 𝗞𝗼𝗺𝗺, 𝗻𝗼𝗰𝗵 𝘇𝗲𝗵𝗻 𝗠𝗶𝗻𝘂𝘁𝗲𝗻.

𝗞𝗮𝗻𝗻𝘀𝘁 𝗱𝘂 𝗺𝗶𝗿 𝗻𝗼𝗰𝗵 𝘄𝗮𝘀 𝘃𝗼𝗿𝗹𝗲𝘀𝗲𝗻?

𝗜𝗰𝗵 𝗯𝗶𝗻 𝗻𝗼𝗰𝗵 𝗴𝗮𝗿 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗺ü𝗱𝗲!

𝗞𝗮𝗻𝗻 𝗶𝗰𝗵 𝗻𝗼𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻 𝗯𝗶𝘀𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗺𝗮𝗹𝗲𝗻?

Das Übliche eben. Ich glaube, daran hat sich bis heute nichts geändert. Kinder haben schon immer versucht, die Schlafenszeit zu verschieben. Das ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst.

Aber früher wusste man: Einmal nachfragen ist in Ordnung. Zweimal vielleicht noch. Beim dritten Mal wurde der Ton ein anderer. Und dann ist man gegangen. Weil die Uhrzeit feststand. Und weil man sich daran gehalten hat.

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Heute geht man da wohl etwas lockerer mit um. Aber damals war damals.

Und ehrlich gesagt: Meistens war es ja auch so, dass man kaum im Bett lag und schon war man weg. Einmal umdrehen, Augen zu, und ab ins Land der Träume. Der ganze Tag steckte einem in den Knochen. Draußen gespielt, in der Schule gesessen, Kohlen geholt, beim Abendbrot den Tee getrunken – da war man abends einfach fertig. Auch wenn man es nie zugegeben hätte.

Was ich aber noch weiß – und das ist eine ganz vage Erinnerung, mehr ein Gefühl als ein Bild – ist, dass Opa mir vorgelesen hat.

Ich war ganz ganz klein. Opa Willi kam in mein kleines Kinderzimmer, setzte sich neben mein Bett, und hat mir Geschichten vorgelesen. Ich weiß nicht mehr welche. Ich weiß nicht mehr, was er dabei für ein Gesicht gemacht hat. Ich weiß nicht mal, ob er verschiedene Stimmen für die Figuren gemacht hat, so wie manche Großväter das tun.

Was ich weiß, ist das Gefühl.

Jemand war da. Jemand saß neben mir. Und eine Stimme hat mich in den Schlaf begleitet.

Aber seine Stimme – an die kann ich mich nicht mehr erinnern. Und das ist vielleicht das Traurigste daran.

Ich erinnere mich an seine Hände. Riesengroße Hände, die Möbel gebaut haben und Holz geformt haben und einen Pfeifenstiel gehalten haben wie einen Bleistift. Ich erinnere mich, wie ich ihm nachmittags sein Zigarillo vom Kiosk geholt habe. Ich erinnere mich, dass er nachmittags immer einen Schnaps getrunken hat, so ein kleines Glas, ganz selbstverständlich.

Aber seine Stimme? Weg. Einfach weg. Als hätte jemand genau dieses eine Stück aus meiner Erinnerung herausgenommen. Alles andere ist noch da, manchmal sogar erschreckend klar. Aber wie er geklungen hat, als er mir abends Geschichten vorlas – das weiß ich nicht mehr.

Es ist schon seltsam, wie das Gedächtnis arbeitet. Es behält die merkwürdigsten Kleinigkeiten. Den Geruch von Pfeifentabak. Die Größe von Händen. Den Preis einer Rosinenschnecke. Aber die eine Sache, die man wirklich gerne behalten hätte – eine Stimme, ein Klang, ein Tonfall – die nimmt es einem weg.

Und es ist noch etwas anderes, das mich daran beschäftigt. Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann ist die Erinnerung an Opa Willi komplett verschwunden. Dann gibt es niemanden mehr, der sagen kann: Ich war dabei. Ich habe auf seinem Schoß gesessen. Ich habe ihm die Zigarillos geholt. Er hat mir vorgelesen, abends, in meinem kleinen Kinderzimmer.

Vielleicht schreibe ich deshalb diese Geschichten. Nicht nur für mich. Sondern damit irgendetwas bleibt. Damit seine Hände und sein Pfeifentabak und sein Nachmittagsschnaps nicht einfach verschwinden, wenn meine Erinnerung aufhört.

Meine Oma habe ich übrigens überhaupt nicht mehr in Erinnerung. Es gibt ein, zwei Bilder, da war ich noch ein Baby. Sie ist viel zu früh gestorben. Ich kenne ihr Gesicht nur von Fotos. Nicht aus dem Leben. Das ist ein eigenartiges Gefühl – jemanden zu vermissen, den man nie bewusst gekannt hat.

Aber zurück zum Sandmännchen. Denn darum ging es ja eigentlich.

Das Sandmännchen. Mit seinem Bart und seinem Umhang und seinem Wagen, der jede Woche ein anderer war. Mal fuhr er ein Auto, mal einen Hubschrauber, mal ein Boot. Und am Ende streute er seinen Sand, und die Kinder rieben sich die Augen, und Mutti sagte: 𝗦𝗼, 𝗷𝗲𝘁𝘇𝘁 𝗶𝘀𝘁 𝗮𝗯𝗲𝗿 𝗦𝗰𝗵𝗹𝘂𝘀𝘀.

Und dann lag man im Bett. Im Dunkeln. Das Licht aus, nur der Kachelofen knackte leise in der Stube nebenan. Und manchmal – wenn man ganz still lag und die Ohren spitzte – hörte man durch die Wand, wie die Großen noch Fernsehen guckten. Gedämpfte Stimmen, manchmal ein Lachen, manchmal Musik. Eine andere Welt, direkt nebenan, zu der man keinen Zutritt hatte.

Und natürlich ist man nochmal aufgestanden. Natürlich. Einmal aufstehen, zur Tür schleichen, einen Spalt aufmachen, rüberlinsen ins Wohnzimmer. Mutti und Andreas auf dem Sofa, der Fernseher flimmerte, und für einen Moment war man dabei, ohne dass es jemand merkte.

Bis Mutti rüberguckte. Und nichts sagte. Nur diesen Blick. Diesen einen Blick, den jede Mutti auf der Welt beherrscht. Den, der bedeutet: 𝗜𝗰𝗵 𝗵𝗮𝗯𝗲 𝗱𝗶𝗰𝗵 𝗴𝗲𝘀𝗲𝗵𝗲𝗻. 𝗚𝗲𝗵 𝘇𝘂𝗿ü𝗰𝗸 𝗶𝗻𝘀 𝗕𝗲𝘁𝘁.

Und man ging. Ohne ein Wort. Zurück unter die Decke, Augen zu, und diesmal wirklich einschlafen.

Ich bin sechzig Jahre alt. Ich lebe allein in meiner Holzhütte im Thüringer Wald. Niemand schickt mich mehr ins Bett. Ich kann so lange aufbleiben wie ich will. Fernsehen gucken bis drei Uhr nachts, wenn mir danach ist.

Aber manchmal, an stillen Abenden, wenn es draußen dunkel ist und der Ofen knackt, dann mache ich freiwillig um neun das Licht aus. Lege mich hin. Höre auf die Stille.

Und für einen Moment bin ich wieder klein. Liege in meinem Kinderbett. Höre Opas Stimme, die ich vergessen habe, aber die trotzdem noch irgendwo da sein muss. Und warte auf den Schlafsand.

𝘐𝘤𝘩 𝘸𝘢𝘳 𝘬𝘭𝘦𝘪𝘯, 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘏𝘦𝘳𝘻 𝘸𝘢𝘳 𝘳𝘦𝘪𝘯. ❤️

𝘔𝘢𝘯𝘤𝘩𝘦 𝘚𝘵𝘪𝘮𝘮𝘦𝘯 𝘷𝘦𝘳𝘨𝘪𝘴𝘴𝘵 𝘮𝘢𝘯. 𝘈𝘣𝘦𝘳 𝘥𝘢𝘴 𝘎𝘦𝘧ü𝘩𝘭, 𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘫𝘦𝘮𝘢𝘯𝘥 𝘥𝘢 𝘸𝘢𝘳 – 𝘥𝘢𝘴 𝘣𝘭𝘦𝘪𝘣𝘵. 𝘐𝘮𝘮𝘦𝘳.

Wer von euch erinnert sich noch ans Sandmännchen? An diesen Moment wenn der Schlafsand kam und Mutti sagte: So, jetzt ist Schluss? Und wer ist danach nochmal heimlich aufgestanden und hat durch den Türspalt geguckt? 💬

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Hihi... Ich erinnere mich, daß ich froh war, wenn ich endlich ins Bett durfte und die Tür für die Nacht zu war. Ich konnte mir dann die Decke über den Kopf ziehen und mit Taschenlampe lesen, bis die Augen irgendwann zufielen... Ich hatte selber einen Fernseher im Zimmer, so einen kleinen Kofferfernseher, schwarz-weiß. Der war, glaube ich, zwei oder drei Mal in meiner Kindheit an. War Null interessant.

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