𝗠𝗶𝗹𝗰𝗵 𝗺𝗶𝘁 𝗛𝗲𝗻𝗸𝗲𝗹 🥛

in Steem Germany9 days ago

Man war sechs Jahre alt und hatte Aufgaben. Nicht weil irgendjemand gesagt hat, Kinder müssen arbeiten. Sondern weil es dazugehörte. Weil man Teil von etwas war. Teil der Familie. Teil des Alltags. Und weil man stolz war, wenn man gebraucht wurde.

Kohlen holen aus dem Keller. Zigarillos für Opa vom Kiosk an der Ecke. Und: Milch holen bei Milch Müller.

Bevor jetzt irgendjemand denkt, das sei Kinderarbeit gewesen oder wir kleinen Sozialisten hätten schuften müssen – nein. So war das nicht. Es war einfach normal. Und ich denke, diejenigen, die diese Zeit mitgemacht haben, wissen genau wovon ich rede.

Die 18. Märzstraße runter, keine hundert Meter, dann um die Ecke in die Waltershäuser Straße, ein paar Meter weiter, und da war er. Milch Müller. Ecke Leesenstraße.

Von außen ein ganz normaler kleiner Laden. Aber wenn man reinkam, dann war da dieser Geruch. Dieser Milchgeruch. Nicht unangenehm, nicht streng. Eher kühl und frisch und ein bisschen süßlich. Ein Geruch, den es heute nirgendwo mehr gibt.

Denn was dort drinstand, das hat mit dem, was man heute im Supermarkt findet, absolut nichts zu tun.

Milch. In riesigen Kübeln.

Nicht in Tetrapacks. Nicht in Plastikflaschen mit aufgedrucktem Fettgehalt auf die Nachkommastelle genau. Nein. In riesigen offenen Pöttichen. Und daneben lag eine Schöpfkelle. Eine große, die genau einen Liter fasste.

Ich kam rein, stellte meine Milchkanne auf den Tresen – so eine Blechkanne mit einem Henkel dran, da passten drei Liter rein – und dann wurde geschöpft. Die Verkäuferin nahm die Kelle, tauchte sie in den Kübel, und füllte meine Kanne. Manchmal nur einen Liter, manchmal die Kanne voll bis oben hin. Kam drauf an, was Mutti gesagt hatte.

Was das gekostet hat? Irgendwas Unmögliches. 67 Pfennig der Liter oder irgend so eine krumme Zahl, die sich kein Mensch merken konnte. Die Preise in der DDR waren sowieso nie rund. Nie 50 Pfennig, nie eine Mark. Immer 67 oder 43 oder 1,18. Als hätte sich irgendjemand im Planungsbüro einen Spaß daraus gemacht.

Milch und Butter waren im Vergleich zu anderen Lebensmitteln gar nicht mal so günstig. Aber wenn man dann ausgerechnet hat, was ein Butterbrötchen am Ende gekostet hat – ein Brötchen für fünf Pfennig, ein bisschen Butter drauf, vielleicht noch Marmelade – dann relativierte sich das schnell. Billig war das Leben in der DDR. Nicht alles. Aber das Grundlegende.

Ich legte meine Pfennige auf den Tresen, nahm die Kanne, und marschierte nach Hause. Vorsichtig. Denn eine volle Milchkanne – die hatte zwar einen Deckel, aber so richtig geschlossen hat der nie. Der saß da oben drauf, klapperte bei jedem Schritt, und wenn man zu schnell um die Ecke bog, schwappte die Milch trotzdem raus. Einmal nicht aufgepasst, und du hattest einen Liter Milch am Hosenbein. Und bei drei Litern in der Kanne war die auch ordentlich schwer für einen Sechsjährigen.

Man konnte die Milch dort natürlich auch in Glasflaschen kaufen. Die standen aufgereiht im Regal, bis oben hin gefüllt, und oben drauf war ein kleiner Aludeckel. So ein dünnes Stück Aluminiumfolie, das man mit dem Daumen reindrücken konnte. Einmal drücken, und er war ab.

Nicht wieder verschließbar. Kein Plastikdeckel, der extra an der Flasche befestigt ist, damit er ja nicht verloren geht. Nein. Ein Stück Alu. Und wenn es ab war, dann war es eben ab. So einfach war die Welt.

Aber bevor man die Milch aus der Flasche in eine Tasse kippte, musste man etwas wissen: Wenn die Flasche frisch und kalt war, dann war oben eine dicke Schicht Rahm drauf. Zwei, drei Zentimeter. Richtige Sahne. Die hatte sich einfach oben abgesetzt, weil das so ist, wenn man Milch in Ruhe lässt. Die trennt sich. Oben fett, unten leichter.

Den Rahm konnte man sich runtermachen, vielleicht mit ein paar Kräutern verrühren, und dann hatte man einen Brotaufstrich, für den man heute im Bioladen ein kleines Vermögen bezahlen würde. Damals war das einfach Milch. Normale Milch.

Und Butter. Die gab es natürlich auch. Abgepackt in Stückchen, ja. Aber man konnte auch sagen: 𝗭𝘄𝗲𝗶𝗵𝘂𝗻𝗱𝗲𝗿𝘁 𝗚𝗿𝗮𝗺𝗺, 𝗯𝗶𝘁𝘁𝗲. Und dann wurde von einem Riesenblock Butter ein Stück abgeschnitten, in Pergamentpapier eingewickelt, und du hast es mitgenommen.

Die schmeckte anders. Komplett anders als das, was heute in der Kühltheke liegt. Ich weiß nicht ob es Kindheitserinnerungen sind und man sowieso alles ein bisschen verklärt. Wahrscheinlich schon. Aber diese Butter, die hatte einen Geschmack, den ich nie vergessen habe.

Und die Milch erst. Das war eben Milch, wo man auch Milch dazu sagen konnte. Auf der einen Seite die Kuh, auf der anderen Seite die Melkmaschine, dann wahrscheinlich pasteurisiert – Rohmilch war es wohl nicht – und dann in die Flasche oder in den Kübel.

Nicht so wie heute. Heute kommt die Milch aus einem Riesentank, wo die Milch von hundert Kühen zusammengemischt wird. Hundertmal separiert, der Fettgehalt rausgezogen und auf die Milligramm genau wieder beigemischt, damit auf dem Etikett exakt 3,5 Prozent steht. Oder 1,5. Oder 0,3. Und dann wundern sich die Leute, warum Milch nach nichts schmeckt.

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Joghurt hatten sie auch. Quark. Alles Mögliche an Milchprodukten. Aber für mich als Sechsjähriger war der Auftrag klar: Milch. Kanne. Voll oder halb voll. Und dann zurück nach Hause.

Manchmal musste ich gleich nochmal los. Weil Opa Willi vorne am Kiosk an der Ecke noch sein Nachmittagszigarillo brauchte. Also Milchkanne abgestellt, Pfennige in die Tasche, und nochmal los. Hundert Meter hin, ein Zigarillo, hundert Meter zurück.

Man war als kleiner Steppke in der DDR ganz schön im Stress, wenn man es recht bedenkt. Immer war was zu tun. Milch holen, Kohlen holen, Opa seine Zigarillos besorgen. Gelegentlich Brötchen von der Bäckerei. Und zwischendurch sollte man auch noch spielen gehen und Kind sein.

Heute mache ich mir meine Butter manchmal selbst. Hier in meiner Holzhütte in Finsterbergen. Das geht wirklich einfach. Man nimmt Sahne, schlägt sie, erst wird es Schlagsahne, und dann schlägt man einfach weiter. Irgendwann merkt man, wie sich die Molke von den Butterklümpchen trennt. Die Molke abgießen, die Klümpchen zusammendrücken, fertig. Richtige Butter. Die so schmeckt wie Butter schmecken soll.

Und jedes Mal, wenn ich das mache, bin ich wieder sechs Jahre alt. Stehe mit meiner Kanne am Tresen bei Milch Müller. Die Verkäuferin schöpft voll, ich lege meine krummen Pfennige hin, und dann marschiere ich nach Hause. Die Kanne in der einen Hand, den Henkel fest umklammert. Vorsichtig. Bloß nichts verschütten.

Und zu Hause stellt Mutti die Milch in den Kühlschrank. Und oben drauf sammelt sich langsam der Rahm.

So war das.

𝘐𝘤𝘩 𝘸𝘢𝘳 𝘬𝘭𝘦𝘪𝘯, 𝘮𝘦𝘪𝘯 𝘏𝘦𝘳𝘻 𝘸𝘢𝘳 𝘳𝘦𝘪𝘯. ❤️

𝘔𝘪𝘭𝘤𝘩 𝘸𝘢𝘳 𝘔𝘪𝘭𝘤𝘩. 𝘉𝘶𝘵𝘵𝘦𝘳 𝘸𝘢𝘳 𝘉𝘶𝘵𝘵𝘦𝘳. 𝘜𝘯𝘥 𝘦𝘪𝘯 𝘬𝘭𝘦𝘪𝘯𝘦𝘳 𝘑𝘶𝘯𝘨𝘦 𝘮𝘪𝘵 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘳 𝘒𝘢𝘯𝘯𝘦 𝘪𝘯 𝘥𝘦𝘳 𝘏𝘢𝘯𝘥 𝘸𝘢𝘳 𝘬𝘦𝘪𝘯 𝘢𝘳𝘮𝘦𝘴 𝘒𝘪𝘯𝘥. 𝘚𝘰𝘯𝘥𝘦𝘳𝘯 𝘦𝘪𝘯𝘴, 𝘥𝘢𝘴 𝘨𝘦𝘣𝘳𝘢𝘶𝘤𝘩𝘵 𝘸𝘶𝘳𝘥𝘦. 𝘜𝘯𝘥 𝘥𝘢𝘴 𝘪𝘴𝘵 𝘷𝘪𝘦𝘭𝘭𝘦𝘪𝘤𝘩𝘵 𝘥𝘢𝘴 𝘚𝘤𝘩ö𝘯𝘴𝘵𝘦, 𝘸𝘢𝘴 𝘮𝘢𝘯 𝘢𝘭𝘴 𝘒𝘪𝘯𝘥 𝘴𝘦𝘪𝘯 𝘬𝘢𝘯𝘯.

Wer von euch kennt das noch – mit der Milchkanne zum Milchladen? Und diesen Aludeckel auf der Glasflasche, den man mit dem Daumen reingedrückt hat? Und wer hat den Rahm oben drauf auch einfach so vom Löffel gegessen? 💬

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I wasn't born in Germany or in the 90s, but I grew up in a country where we drink "tea" with bread in the morning.

The tea in question is a beverage made up of milk and sometimes cocoa. It's seen as a luxurious meal. Something for the privileged few, and you'd be teased if you choose to swallow foofoo with soup in the morning instead of taking a light cup of tea.

While reading this, I remembered my first reaction when I discovered that there are no milk in our market. With the White Fulani cattle which produces less milk and limited infrastructures to keep the little available milk fresh, all we have access to are cheap laboratory produced fat-filled milk powder (FFMP) where milk fat is replaced with vegetable oil. Scientists say it's detrimental to health.

I must say you were lucky to have access to quality milk. I'd read books like Five Go Camping and ask myself if I know the taste or texture of what real milk looks or feels like.

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