Die Zuckertüte, die größer war als ich selbst 🎒

in Steem Germany18 hours ago

Und hier wieder eine Geschichte aus der Reihe „Ich war klein, mein Herz war rein“. Heute sogar mit Originalfoto. 🙂

Manche Geschichten trägt man ein Leben lang mit sich. Diese hier ist über fünfzig Jahre alt, und wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie noch vor mir wie gestern. Ein kleiner Junge mit Topfhaarschnitt, viel zu schicken Klamotten und einer Zuckertüte, die er sich niemals hätte träumen lassen.

Mein erster Schultag. Was war ich aufgeregt. Ich konnte die ganze Nacht vorher nicht schlafen. Ein komplett neues Umfeld, neue Kinder, neue Gesichter. Ob die mich wohl mögen? Ob ich da reinpasse? Tausend Gedanken im Kopf eines kleinen Jungen, der keine Ahnung hatte, was da auf ihn zukommt.

Das Bild, was ihr hier seht, ist übrigens wirklich ein originales Foto von damals. Von meiner Schuleinführung. Geschniegelt und gestriegelt, der Haarschnitt sieht aus, als ob ihn mir Oma verpasst hat. Topf auf den Kopf, einmal drumrum geschnitten, fertig. Ob es wirklich so war an dem Tag? Keine Ahnung, aber die Klamotten, die ich da anhabe, sehen heute recht grotesk aus. Aber na ja, man wurde damals schick gemacht. Mutti hat ihr Bestes gegeben, und das war gut genug.

Der Weg zur Schule, na ja, das waren so ungefähr zwei Kilometer, die man zu Fuß marschieren musste. Es war eine recht neu gebaute Schule, im Grunde waren es sogar zwei Schulen in einem großen Gebäude. Einmal die Wilhelm-Pieck-Schule und einmal die Otto-Grotewohl-Schule. Soweit ich mich erinnere, war ich erst in der Wilhelm-Pieck-Schule, und nach ein paar Tagen wurde alles noch mal neu gemischt und ich kam in die Otto-Grotewohl-Schule. Aber was rede ich, wen interessiert das schon. Mich. Mich interessiert das. Weil es meine Geschichte ist. Und weil solche kleinen Details manchmal die einzigen sind, die nach über fünfzig Jahren noch hängen geblieben sind.

An diesem Tag waren natürlich auch die Eltern mit dabei. Wie das alles genau abgelaufen ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr so richtig. Es waren eine Menge gleichaltrige Kinder, die aufgeregt vor der Tür standen und darauf warteten, was nun passiert. Eines der Kinder kannte ich aus dem Kindergarten, aber alle anderen waren mir fremd. Man hat sich neugierig beäugt, ein bisschen herumgeschaut, und ob man sich schon mit dem einen oder anderen unterhalten hat – ich weiß es wirklich nicht mehr. Das ist ja nun so lange her. Aber dieses Gefühl, dieses Kribbeln im Bauch, diese Mischung aus Angst und Neugier und Aufregung – das vergisst man nicht. Das bleibt. Auch nach fünfundfünfzig Jahren.

Irgendwann war es dann so weit. Die Kinder wurden aufgeteilt, es gab ja mehrere erste Klassen, und das für beide Schulen zusammen. Ein riesengroßes Schulobjekt war das, es gab, wenn ich noch richtig weiß, eine 1a, 1b und 1c, und das für jede der beiden Schulen. Wer in welche Klasse kam, das war vorher schon ausgemacht worden. Und dann stand da plötzlich eine nette Frau vor uns. Das war Frau Heißt. Ich kann mich noch genau an ihren Namen erinnern. Frau Heißt. Unsere Unterstufenlehrerin. Sie hat uns alle eingesammelt, die zu ihrer Klasse gehörten, und dann sind wir zusammen ins Klassenzimmer marschiert.

Und dort wartete die nächste Überraschung.

Die Eltern hatten nämlich vorher schon die Zuckertüten auf die Tische gelegt. Jede Tüte auf den Platz, wo das jeweilige Kind sitzen sollte. Frau Heißt hat dann die Kinder der Reihe nach aufgerufen und jedem seinen Platz zugewiesen. Einer nach dem anderen.

Und dann war ich dran.

Und ich habe gesagt: „Mein Platz ist bestimmt da, wo die kleinste Zuckertüte liegt. Wir haben nämlich ganz wenig Geld, hat meine Mutti gesagt, und sie konnte mir leider nichts kaufen. Ich soll nicht allzu enttäuscht sein."

Na ja. Ich wusste das ja vorher. So dachte ich jedenfalls. Hatte mich innerlich schon drauf eingestellt. Aber natürlich hatte ich trotzdem geschaut, was manch einer für riesengroße Tüten auf dem Tisch liegen hatte. Prall gefüllt, bis obenhin mit Süßigkeiten. Vielleicht war ich ein wenig neidisch. Wahrscheinlich sogar ziemlich neidisch, wenn ich ehrlich bin. Ich war ja erst sechs.

Aber was soll ich euch sagen.

Frau Heißt hat mich angelächelt und mir meinen Platz gezeigt. Und ich habe es erst gar nicht geglaubt, was ich da sehe. Da lag eine Zuckertüte auf dem Tisch. Nicht irgendeine. Doppelt so groß wie der Tisch. Fast so groß wie ich selbst. Ich stand da mit offenem Mund und habe gefragt: „Aber Mutti hat doch gesagt, wir sind so arm und sie kann mir nichts kaufen?"

Die Eltern standen ja alle hinten an der Wand, in Reih und Glied, solange die Kinder eingewiesen wurden. Und meiner Mutti war das wohl mächtig peinlich. Weil natürlich alle anderen Eltern das mitbekommen haben. Aber alle haben gelacht. Nicht bösartig. Einfach so, wie man lacht, wenn ein kleiner Junge mit großen Augen vor einer riesigen Zuckertüte steht und die Welt nicht mehr versteht, weil man doch eigentlich so arm ist.

Sie hat mir später erzählt, dass sie wochenlang ein bisschen was zur Seite gelegt hat. Hier mal fünfzig Pfennig gespart, da mal auf irgendwas verzichtet. Damit ihr Junge am ersten Schultag nicht derjenige ist, der die kleinste Tüte hat. Sondern die größte. Damit er strahlt. Damit er stolz ist.

Und genau das war ich. Stolz wie Oskar bin ich zu meinem Platz marschiert und habe diese riesengroße Zuckertüte bewundert. Auf dem Bild, wo ich so geschniegelt und gestriegelt aussehe mit meinem Topfhaarschnitt, könnt ihr sie sehen. Das Monster von Zuckertüte.

Wenn ich bedenke, dass das jetzt fünfundfünfzig Jahre her ist. Fünfundfünfzig Jahre. Ich kann es einfach nicht fassen. Meine Kindheit, meine Jugend, die Zeiten des Erwachsenwerdens – ein Fingerschnipp, und auf einmal ist man sozusagen ein Rentner mit vielen Auas und Wehwehchen und wird immer öfter in seine Kindheit zurückversetzt. In eine Zeit, die einem heute vermeintlich unbeschwert vorkommt. Ob sie es wirklich immer so war? Wahrscheinlich nicht. Man verdrängt ja sicherlich das, was nicht so toll war, und erinnert sich lieber an die schönen Dinge.

image.png

Und ich erinnere mich an eine Zuckertüte, die fast so groß war wie ich selber. An einen Tag voller neuer Gesichter. An eine kleine Feier danach mit der Familie. Und natürlich an das Auspacken dieses riesengroßen, spitz zulaufenden Paketes mit allem möglichen Süßkram. Was genau drin war, weiß ich nicht mehr. Sicherlich jede Menge Süßes, wie damals üblich. Vielleicht ein Buch, ein paar Buntstifte, solche Sachen eben, die man Kindern zur Schuleinführung geschenkt hat.

Heute muss es bei manch einem dann eine Nintendo sein. Ein Smartphone mit sechs Jahren ist auch schon Pflicht. Und ich kann mir gut vorstellen, dass manche Eltern, wenn sie mithalten wollen, deutlich mehr Geld ausgeben, als sie eigentlich haben. Und dann geht es ja weiter. Die teuersten Turnschuhe, Designerklamotten, alles nur vom Feinsten. Nicht weil das Kind es braucht, sondern um zu zeigen: Schaut her, wir haben es. Das Kind als Prestigeobjekt. Aber viele haben es eben nicht. Und da geht es schon am allerersten Schultag los, weil viele ab dem ersten Tag nicht mithalten können. Allein schon vom Äußeren.

In der DDR hat das, vor allem in dem Alter, überhaupt keinen interessiert. Okay, später hat man auch mal geschaut, ob einer nun eine DDR-Jeans anhatte oder eine Levi's. Aber im Großen und Ganzen war das egal. Was zählte: saubere Klamotten. Und zu der Zeit war es auch noch völlig normal, dass ich Sachen von meinem großen Bruder aufgetragen habe. Weitergegeben, aufgetragen, weitergegeben. Mutti war Alleinverdiener, und es wäre mir nie in den Sinn gekommen zu sagen, ich will dies oder jenes haben. Man ist einfach anders aufgewachsen. Man hat ja selber mitbekommen, in welchen Verhältnissen man lebt.

Aber es war immer was zu essen da. Man hatte ein warmes Zuhause. Und was das Allerwichtigste war – und was war das? Natürlich die Familie. Das Miteinander. Sonntags zusammen den Braten essen, den Mutti zubereitet hat. Und das gemeinsame Abendbrot, das gab es eigentlich von klein auf, jeden Tag, bis ich als Jugendlicher abends auch mal verschwunden bin. Man saß zusammen am Tisch und hat erzählt, was am Tag so passiert ist. Jeder kam dran. Jeder wurde gehört.

Heute holt man sich einen Döner und setzt sich vor den Fernseher. Gemeinsames Abendessen zusammen an einem Tisch, mit einer Scheibe Brot und einem Gespräch dazu? Na ja, ich denke mal, das ist heute eher die absolute Ausnahme. Wirklich schade.

Aber egal. Mit einem Lächeln denke ich zurück an diese Zeit. An den kleinen Jungen mit dem Topfhaarschnitt, der seiner Lehrerin Frau Heißt gesagt hat: „Wir sind arm, zeigen Sie mir bitte den Platz mit der kleinsten Zuckertüte." Und der dann vor der größten Tüte im ganzen Raum stand und die Welt nicht mehr verstanden hat.

Ich war klein, mein Herz war rein. ❤️

𝘜𝘯𝘥 𝘸𝘦𝘯𝘯 𝘪𝘤𝘩 𝘩𝘦𝘶𝘵𝘦 𝘦𝘪𝘯𝘦𝘴 𝘢𝘶𝘴 𝘥𝘪𝘦𝘴𝘦𝘳 𝘡𝘦𝘪𝘵 𝘮𝘪𝘵𝘯𝘦𝘩𝘮𝘦, 𝘥𝘢𝘯𝘯 𝘥𝘢𝘴: 𝘌𝘴 𝘸𝘢𝘳 𝘯𝘪𝘦 𝘸𝘪𝘤𝘩𝘵𝘪𝘨, 𝘸𝘪𝘦 𝘨𝘳𝘰ß 𝘥𝘪𝘦 𝘡𝘶𝘤𝘬𝘦𝘳𝘵ü𝘵𝘦 𝘸𝘢𝘳. 𝘞𝘪𝘤𝘩𝘵𝘪𝘨 𝘸𝘢𝘳, 𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘫𝘦𝘮𝘢𝘯𝘥 𝘴𝘪𝘦 𝘧ü𝘳 𝘥𝘪𝘤𝘩 𝘩𝘪𝘯𝘨𝘦𝘴𝘵𝘦𝘭𝘭𝘵 𝘩𝘢𝘵. 𝘜𝘯𝘥 𝘥𝘢𝘴𝘴 𝘦𝘴 𝘦𝘪𝘯𝘦 𝘔𝘶𝘵𝘵𝘪 𝘨𝘢𝘣, 𝘥𝘪𝘦 𝘸𝘰𝘤𝘩𝘦𝘯𝘭𝘢𝘯𝘨 𝘫𝘦𝘥𝘦𝘯 𝘗𝘧𝘦𝘯𝘯𝘪𝘨 𝘻𝘶𝘳ü𝘤𝘬𝘨𝘦𝘭𝘦𝘨𝘵 𝘩𝘢𝘵, 𝘥𝘢𝘮𝘪𝘵 𝘪𝘩𝘳 𝘑𝘶𝘯𝘨𝘦 𝘴𝘵𝘳𝘢𝘩𝘭𝘵. 𝘋𝘢𝘴 𝘪𝘴𝘵 𝘮𝘦𝘩𝘳 𝘸𝘦𝘳𝘵 𝘢𝘭𝘴 𝘫𝘦𝘥𝘦𝘴 𝘚𝘮𝘢𝘳𝘵𝘱𝘩𝘰𝘯𝘦 𝘪𝘯 𝘫𝘦𝘥𝘦𝘳 𝘡𝘶𝘤𝘬𝘦𝘳𝘵ü𝘵𝘦 𝘥𝘪𝘦𝘴𝘦𝘳 𝘞𝘦𝘭𝘵.