You are viewing a single comment's thread from:

RE: Wenn Gerichte die Realität ausblenden – Warum das Hamburger Correctiv-Urteil ein rechtsstaatliches Warnsignal ist

in #deutsch3 months ago (edited)

Zustimmung in den meisten Punkten. Aber einen gebe ich Dir noch oben drauf: daran, daß Zusammenhänge aus Darstellungen falsch verstanden, falsch interpretiert werden, ist nicht nur die Presse schuld. Wo bleibt der textverstehende Leser? Also... Genau genommen bleibt der unbeteiligt: Textverständnis ist nämlich längst nicht mehr so gegeben, wie wir es aus der Zeit unserer Schulabschlüsse noch kennen. Unser Wortschatz liegt (Alterklassendurchschnitt) zwischen 12.000 und 16.000 Wörtern - aktiv. Passiv, also rein vom Verständnis her, sogar bei 40.000. Ich sage 'mal: wir können lesen und Inhalte erfassen im Sinne von analysieren, gegenprüfen, verstehen. Ein Schulabgänger von heute (wiederum Durchschnitt, es gibt Gott-sei-Dank Ausnahmen!) hat noch einen aktiven Wortschatz von 1.000-3.000 Wörtern und liegt passiv bei etwa 10.000.

Das richtige Verständnis des Textes eines ausgebildeten Journalisten ist da eher unwahrscheinlich. Daher beobachten wir den wunderbaren Trend, daß uns gleich mit dem Text erklärt wird, wie wir ihn einordnen sollen. Man ist sich also des tatsächlichen Mankos bewußt, benutzt das aber zum Transport satanischer Botschaften. Oder so ähnlich ;-))

Sort:  

In der Tat, auch ein riesen Thema für sich... die Aufmerksamkeitsspanne und das fehlende Textverständnis. In vielen Schulen kann richtiges Textverständnis oft gar nicht mehr unterrichtet werden, weil Lehrer zunächst Grundbegriffe erklären müssen, die viele Kinder schlicht nicht kennen, zum Beispiel „Busch“ oder andere alltägliche Begriffe. Glücklicherweise bin ich recht gebildet, und Freunde sagen oft: „Oh, es ist schön, mit dir zu reden, weil du einfach anders sprichst und formulierst.“ Vieles davon ist erlernt, z. B. durch Bücher wie die von Hermann Hesse, die ich verschlungen habe.

In diesem Fall wurde jedoch eine offensichtliche Lüge verbreitet – trotz gerichtlichem Verbot und unter Strafandrohung – und dann extra weiter wiederholt. Aus der Psychologie wissen wir: Je häufiger etwas wiederholt wird, desto eher fühlt es sich „wahr“ an.

Damit werden klare Doppelstandards deutlich, die immer problematisch sind, egal gegen wen sie eingesetzt werden. Erst wird objektiv festgestellt, dass es eine Lüge war – und dann wird sie trotzdem als „Meinung“ gerettet, solange es politisch passt.

Genau diese Doppellogik untergräbt Vertrauen in Institutionen: Wenn Fakten relativiert werden, wird Recht beliebig. Und ein Staat, dem man nicht mehr vertraut, wirkt irgendwann autoritärer, als er es tatsächlich ist.